Jump to Navigation

Archetypen

Bild von Junipera

Einige Autoren schaffen unvergessliche Figuren, die so lebendig erscheinen, dass der Leser ins schwärmen gerät. Was ist das Geheimnis dieser Autoren? Wie packen sie den Leser, sodass er sich mit den Charakteren identifiziert, mitleidet und hofft? Ein Schlüssel zu diesem Geheimnis ist das Arbeiten mit den Archetypen. In diesem Artikel gehe ich darauf weiter ein.

Was sind Archetypen?

Zum Glück müssen wir keine Arche bauen um das Herauszufinden. Archetyp ist ein Fachbegriff aus der Psychologie. Der Begriff kommt aus dem Griechischen und bedeutet Urbild. Der Schweizer Psychiater C. G. Jung hat diese Arche-Urbilder-Typen entwickelt.
Das Prinzip des Archetyps wird auch als „kollektives Unterbewusstsein“ bezeichnet.
Denken wir an Figuren wie „Robin Hood“. Er bestiehlt die Reichen und gibt es den Armen und wir sind alle dafür. Oder wenn Asterix und Obelix die Römer verhauen. Wir sind auf der Seite dieser Figuren, obwohl sie nicht wirklich etwas Gutes tun. Warum werden wir ärgerlich, wenn Robin mit dem Leben dafür bezahlen, oder Asterix den Löwen zum Fraß vorgeworfen werden soll?

Wir alle reagieren auf etwas Gutes mit Freude auf etwas Böses mit Angst.

Das Gute bringt uns voran, das Böse nicht. Seit Jahrtausenden entwickelt sich der Mensch weiter. Dabei bringen ihn immer die guten Dinge voran, seien es bessere Jagdmethoden, Familienbande, sich zu lieben oder sonstige gute Entwicklungen der Evolution. Der Mensch erfuhr das ein bestimmtes Verhalten förderlich für die Weiterentwicklung ist. Wir greifen heute „unbewusst“ auf diese Erfahrungen zurück, die unsere Vorfahren uns vererbt haben. Das erklärt auch die Gemeinsamkeiten in Religion, Mythen, Märchen und vor allem Träumen der Menschen weltweit.

Wir wissen, dass wir alle auf bestimmte Situationen gleich reagieren und dies ist das Geheimnis. Ein Autor sollte seine Figuren so handeln lassen, dass der Leser unbewusst an seine vererbten Erfahrungen erinnert wird. Wir alle reagieren auf bestimmte Ereignisse in einer vorhersehbaren Art und Weise.

Also tötet der Held den Drachen und bekommt die Prinzessin und alles freut sich.

Ja schon, aber es fehlt noch etwas, die Entwicklung. Alles ist darauf ausgerichtet sich weiter zu entwickeln, um vollständig zu werden. Von der Geburt bis zum Tode entwickelt sich ein Mensch und reift. Und genau dieses „reifen“ wird mit Hilfe der Archetypen dargestellt.

Kommt ein Mensch auf die Welt ist er unvollkommen. Im Laufe der Jahre kommen Schatten hinzu, die es zu bewältigen gilt. Dabei helfen ihm Verbündete, wie Eltern oder Lehrer, Freunde. Er macht Fehler und findet seinen Weg im Leben, bis er an seinem Lebensende vollkommen und selbst Weise ist.

Und genauso funktioniert das Prinzip in Geschichten. Ein Protagonist (Held), ist zuerst unvollkommen, muss seinen Gegenspieler - „den Schatten“ - besiegen, wird zum Schluss weise und findet zu sich selbst und seinem Weg. Dabei helfen ihm „der Weise“ mit Ratschlägen und andere „Verbündete“, wie „Anima“ oder „Animus“ zeigen ihm den Weg auf, den er einschlagen muss. Alle Figuren, die in unseren Geschichten vorkommen, müssen dem Helden dazu dienen, an sich selbst und seiner Seele zu reifen, um am Schluss vollkommen zu sein.

Die Archetypen

"Das Selbst" / "Der Held"

Der Protagonist der Geschichte. Die Bezeichnung Held hat auch etwas Irreführendes an sich. Um ihn (den Helden) dreht sich alles. Er ist das Selbst, welches zu Anfang noch unvollkommen ist und erst im Laufe der Geschichte vollkommen wird.
Immer muss er zu einer runden Persönlichkeit heranwachsen. Er muss sich selbst und seine Schwächen erkennen, seinen Weg finden und diesen gehen, Hilfe annehmen und so zu sich selbst finden.

Beispiele: Harry Potter, Frodo aus HdR, Luc aus Star Wars, …

"Der Schatten"

Es gilt die unumstößliche Regel, kein Protagonist ohne seinen Gegenspieler, den Schatten, oder auch Antagonist. Der Schatten ist die wichtigste und auch die aufregendste Figur unserer Geschichten. Er sorgt für die Spannung und ist unerlässlich. Der Schatten möchte entweder den Tod des Helden oder, dass dieser das Ziel, was er verfolgt, nicht erreicht.
Bei dem Schatten kann es sich sowohl um eine Person als auch um einen Seelenzustand handeln. Man kann den Helden mit einem seelischen Makel behaften, den es im Laufe der Geschichte zu besiegen gilt. Eine schlechte Eigenschaft kann ebenfalls ein Schatten sein.

Beispiele: Darth Vader, Gollum, Saruman, Mr. Hyde (Seelenzustand), ...

"Der Herold"

Der Herold schickt den Held ins Abenteuer. Er ist der Auslöser für das Abenteuer. Der Herold ist meist eine Person, kann aber auch als Ereignis auftreten. Er kann in allen Figuren auftauchen, sowohl Haupt-, als auch Nebenfiguren oder Statisten. Oft wird dieser Archetyp mit „dem Weisen“ kombiniert.

Beispiele: Gandalf, der Bilbo in "der kleine Hobbit" auf die Reise schickt, oder R2D2, der Luc den Hilferuf von Prinzessin Leah übermittelt, Brom, der Eragon von den Drachen erzählt, der Schmetterling aus "Das letzte Einhorn", ...

"Der Weise"

Dieser Archetyp wird auch "Mentor" oder "Ratgeber" genannt.
Oft war der Weise früher selbst ein Held, er verkörpert das, was unser Protagonist erst noch werden soll / muss. Er ist das Gewissen, der Lehrer, der Mentor. Der Weise besinnt den Helden auf sich selbst. Oft ist der Weise auch der Motivator, also der Herold, des Protagonisten. Dieser Archetyp erscheint in Figuren wie Vater, Mutter, Lehrer, Mentor, Zauberer, Vertrauter, Narren usw.
Meist verkörpert durch ältere Personen.

Beispiele: Gandalf aus HdR, Merlin, Obi-Wan Kenobi , Brom aus Eragon, ...

"Der Schwellenwächter"

Ist der Aufhalter. Sie versuchen den Helden an seinem Abenteuer zu hindern. Das können wieder sowohl Personen als auch Gegenstände oder Ereignisse sein. Wächter eines Durchgangs, ein Erdrutsch, Überschwemmungen oder jemand, der den Rat erteilt, vom Vorhaben abzulassen.

Beispiele:
Heimdall, der Wächter der Regenbogenbrücke nach Asgard („Thor“) oder der Wächter an der Mauer in „Der Sternwanderer“.

"Der Verbündete"

Alle Figuren, die dem Helden helfen und ihn voranbringen. Meist sind sie keine wichtigen Figuren, geben aber einen entscheidenden Hinweis. Oft wird mit diesen Figuren auch das Weltgeschehen vermittelt (Infoelf).

"Der Trickster"

Aus dem Englischen für Gauner oder Schwindler. Im Deutschen wird auch der Schelm oder Halunke verstanden. Auch als Figur mit Schalk.
Diese Figur ist meist neutral und oft mit Fähigkeiten ausgestattet, die dem Helden nützlich sind. Als Fähigkeit wird das verstanden, was der Held vielleicht selbst nicht kann, wie lesen, schreiben, schwimmen oder körperliche Eigenschaften wie Schnelligkeit, Kraft usw.
Oft ist es auch die komische Figur, die für Erheiterung sorgt oder Unordnung und Chaos hervorruft. Man sollte trotzdem aufpassen, dass diese Figur nicht anstrengend wird.

Beispiele: Jar Jar Binks, R2D2 (beide aus Star Wars), Esel (Shrek), Captain Jack Sparrow, Sid (Ice Age), ...

"Der Gestaltwandler"

Das sind Figuren, die innerhalb einer Geschichte ihre Rolle/Haltung ändern. Von Gut zu Böse und umgekehrt. Oft geheimnisvoll und undurchschaubar. Diese Figur kann sowohl "Verbündeter" als auch "Schatten" sein.

Beispiele: Severus Snape aus Harry Potter, Anakin Skywalker, ...

"Anima und Animus"

Auf Grund der Schwierigkeit, diesen Typ zu erklären, ist es nicht verwunderlich, dass er in vielen Geschichten fehlt oder nicht überzeugt.
Es geht um die gegengeschlechtliche innere Einstellung. Anima ist das weibliche im Mann und Animus das männliche in der Frau.

Denkt man an Frauen in Männerberufen oder an Männer in Frauenberufen, kommt doch die Frage auf, warum sie diesen gewählt haben. Oder als anderes Beispiel Eheleute, von denen man meint, sie würden gar nicht zusammenpassen, aber die Ehe ist harmonisch.

Wir alle kennen Aussagen wie Mutter Natur, Mutter Erde oder Väterchen Frost und Göttervater. Jeder von uns trägt unbewusst einen gegengeschlechtlichen Urgrund in sich, der oft auf den Partner projiziert und an ihm erlebt wird.

Dieser Typ von Figur kann in Geschichten sowohl in heiligen als auch Huren auftauchen. Alles ist möglich. Fast immer handelt es sich um eine vielschichtige, schillernde Persönlichkeit.

Beispiele: König Drosselbart, das Gretchen aus Faust, Molly Brown (Titanic)

Die Anwendung und das Klischee

Sieht man sich Filme mit diesem Hintergrundwissen an, kann man diese Typen schnell wiederfinden. Nun werden einige bestimmt aufschreien, dass dies ja alles ein Klischee sei.

Nein ist es nicht!

Die Archetypen sind eine wiederkehrende Struktur in Geschichten, in denen es darum geht, dass eine Figur sich entwickelt. Gibt man seinen Figuren eine starke Persönlichkeit und einen ganz eigensinnigen Charakter, wird keiner an Klischees denken.
Klischee bedeutet Abklatsch oder Nachahmung, aber die Archetypen an sich sind nicht der Abklatsch, sondern das, was man aus ihnen macht.

Man sollte sich viele Filme anschauen und viel lesen, um das Prinzip noch besser zu verstehen.
Ganz oft werden verschiedene Archetypen auch in ein und derselben Figur vereint.

Eine kleine Übung am Ende

Zu welchem Archetyp zählen die folgenden Figuren?

Hermine Granger (Harry Potter)
Will Turner (Fluch der Karibik)
Dorie (Findet Nemo)
Voldemort (Harry Potter)
Das Skelett (Das letzte Einhorn)

Quellen

Text Art Hefte Nr. 1/2011 und 2/2011
Wikipedia: Stichwort Archetypen
Vortrags Notizen zu „Das Geheimnis packender Roman und Filmfiguren“ von Thomas Finn, Thomas Plischke und Ole Johan Christiansen auf der Nord Con 2011.

Kommentare

Bild von Sehnsucht

Hey Juni,

bisher habe ich diesen schönen Artikel vollkommen übersehen, und zufällig gestern reingelesen.
Und... ich bin begeistert... ich hatte ein richtiges Aha-Erlebnis, was meinem Roman noch fehlt, und warum ich ein Problem mit zwei meiner Personen habe, und, ich habe zum ersten mal diese Anima-Geschichte verstanden. Toll! Danke!

Liebe Grüße, Sehnsucht

Bild von Junipera

. ich bin begeistert...

Shy
Danke sehr Sehnsucht, freut mich das du ein Aha-Erlebnis hattest.
Das mit Anima und Animus ist wirklich schwer zu erklären und ich selbst habe so lange gebraucht um zu checken was gemeint ist.

Dabei fällt mir ein, wenn jemand eine Lösung für die Übung braucht, an mich per PN.
Bitte die Lösung hier nicht posten, damit andere noch darüber grübeln können.

Liebe Grüße Juni

Bild von Zauberling

Ich habe es jetzt auch endlich gelesen und soweit ich das sehe, habe ich diese Archetypen alle in dieser Weise oder auch abgewandelt.
Aber ich werde das auch für künftige Geschichten im Blick behalten.
Danke für diese Arbeit. knuddel

Bild von Feuer Poi Melisande

Ich bin auch begeistert, aber ich habe eine Frage: In meinem angehenden Roman habe ich noch keinen Schatten. Ist der unbedingt notwendig? Sollte ich mir unbedingt noch einen aus den Fingern saugen, oder ist der eher unwichtig?
Würde mich seeeeehr freuen, wenn du mir antworten könntest.

Melli

Bild von Zauberling

Der Schatten ist neben dem "Herold" oder dem Protagonisten die wichtigste Figur. Ohne Gegenspieler (egal ob als Person oder antagonistische Kraft) keine Geschichte. Du brauchst einen Gegenspieler, der dir Steine in den Weg legt, bzw. deiner Figur, sonst gibt es keine Konflikte, keine Spannung ... keine Geschichte eben.

Der Schatten kann aber auch wie oben geschrieben ein Seelenzustand sein, wenn der Held sich bspw. selbst im Weg steht. Smile

Bild von Feuer Poi Melisande

Danke für die Info, ich bin schon dabei, mir etwas zu überlegen.

Bild von Sehnsucht

Hey Melli,

du hast doch einen Krimi, oder? Der Schatten ist normalerweise der Möder, der verhindern will, dass herauskommt, dass er der Schuldige ist, und denjenigen, die ermitteln, Steine in den Weg legt. Wink

Bild von Junipera

Hallo Melli!

Wie Zauberling und Sehnsucht schon erwähnt haben ist der Schatten der Gegenspieler oder die Gegenkraft die verhindern will oder verhindert das deine Figur ihre Ziele und Wünsche erreicht.

Es kann sich dabei um alles handeln und muss nicht eine Person sein. Als Beispiele:

Ein Mann stürzt mit seinem Sportflugzeug in der Wüste ab, sein dringendes Ziel ist Wasser und aus der Wüste zu entkommen. Seine Schatten sind die Hitze der Wüste, der Durst, vielleicht kann er nicht laufen weil er verletzt ist , usw..... =Antagonistische Kräfte

Es kann sich auch um ein Tier handeln, Beispiel: Cujo von Stephen King, der Hund verhindert das die Familie ihr kaputtes Auto verlassen kann, er ist der Schatten der Familie = Antagonist

Bei einem Krimi kann es der Mörder sein, der verhindern will das man ihm auf die Spur kommt, es kann aber auch die Ermittlung selbst sein, Beweise die verschwinden, ein Labor das die Beweismittel ruiniert (vielleicht durch einen Brand). usw.

Du siehst es muss sich in einer Geschichte nicht nur um einen Schatten handeln, es können auch mehrere Faktoren Schatten sein, aber deine Figur hat ja (immer) ein Hauptproblem und meist gibt es dann einen Hauptschatten dadurch. Beispiel Harry Potter: seine Schatten oder Gegner; Snape, Draco, Bellatrix, aber der Hauptsächliche Schatten oder Antagonist (Gegner) ist Voldemort.

Der Schatten kann sehr vielfältig sein, aber ohne Schatten keine Geschichte, denn ohne wäre deine Figur Sorgenfrei und alle Ziele zu erreichen ist kein Problem.

Liebe Grüße Juni

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd> <img> <blockquote> <mark>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Textual smileys will be replaced with graphical ones.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob man ein menschlicher Benutzer ist und um automatisierten Spam vorzubeugen.

« nach oben

Login

Wer wir sind und was wir wollen

Die Charta Scriptoria ist ein Zusammenschluss von fantasybegeisterten Autoren, die der Wunsch eint, produktiv an ihren Texten zu arbeiten und sich über schreibrelevante Themen zu unterhalten. Dabei ist egal ob Anfänger oder Fortgeschrittener. Bei uns ist jeder willkommen, der Kritik an den eigenen Werken annimmt und bereit ist an fremden Texten zu arbeiten.

Du bei uns

Bekomme Lesermeinungen zu deinen Werken und bewerte selber Texte anderer.
Hilf bei den Recherchen unserer Autoren und stelle selber Fragen an die Community.
Begegne Gleichgesinnten und nimm an unseren monatlichen Autorentreffen teil.

Registrieren Regeln

Wer ist online?

Zur Zeit sind 0 Benutzer und 2 Gäste online.
Powered by Drupal, einem Open-Source Content-Management-System.