Charakterentwicklung: Ein Rundumschlag

Charakterentwicklung ist so vielfältig wie die Person des Autors selbst. Manche haben schon ganz zu Anfang die groben Züge ihres Protagonisten im Kopf, andere tasten sich mit der Handlung langsam an sie heran. Was aber allen gemein ist, ist die Planung, um die man früher oder später nicht herum kommt. Man muss seine Figuren kennen, um mit ihnen schreiben zu können. Wie das zu schaffen ist, werde ich im folgenden näher beleuchten.
Zunächst einmal sollte man seine Charaktere in drei lockere Gruppen unterteilen. Die Hauptfiguren. Die Nebenfiguren. Und die "Walk-ons". Was versteht man darunter?
Hauptfiguren
Die Geschichte der Hauptfiguren ist, woraus das Buch besteht. Der Leser erlebt zusammen mit der Hauptfigur, was es heißt, vor die Probleme der Geschichte gestellt zu werden. Er erlebt es aber nicht nur von außen mit, wie ein unbeteiligter Zuschauer, sondern schaut in das Innenleben des Charakters hinein. Erlebt, was ihn motiviert, wovor er Angst hat oder warum er sich freut. Leidet mit der Figur, weil er sich mit ihr identifiziert. Mit anderen Worten: Die Hauptfigur *ist* die Seele des Buches.
Nebenfiguren
Nebenfiguren nehmen genau so viel Platz ein, wie sie auch im Leben der Hauptfigur spielen. Das können beste Freunde, Lehrer, Geschwister oder Eltern sein. Als Autor sollte man sie soweit entwickeln, wie sie für die Geschichte der Hauptfigur von Nutzen sind. Sie sind allerdings niemals so detailliert ausgearbeitet wie diese. Eine Nebenfigur sollte auch niemals so viel Aufmerksamkeit einnehmen, wie die Hauptfigur. Tritt das einmal doch ein, sollte man darüber nachdenken, inwieweit die jetzige Nebenfigur vielleicht als Hauptfigur taugen könnte.
Walk-ons
Diese Figuren tauchen häufig einmalig in Szenen auf. Nehmen wir beispielsweise die Passanten, die aus dem Weg springen, wenn eine Bombe explodiert. Oder den Busfahrer, der einen schlechten Tag hat und die Hauptfigur anraunzt.
Solche Figuren werden nicht entwickelt. Sie sind kurzzeitig da und dann auch wieder weg. Sie haben nichts mit dem Ausgang oder der direkten Weiterentwickelung der Geschichte zu tun und haben deshalb auch keine für den Leser relevanten Ziele oder Ansichten.
Diese drei "Typen" von Charakteren bestimmen das Bild jeder Geschichte. Bevor der Autor also anfängt zu schreiben, sollte er sich über die Zugehörigkeit seiner Charaktere zu einer der drei Gruppen entscheiden.
Held & Heldin
Diese beiden Begriffe sind natürlich sehr heroisch gewählt. Nicht immer ist eine Hauptfigur auch gleich eine Heldin. Aber nehmen wir sie doch einfach der Abwechslung halber so hin.
Held und Heldin setze ich hier als Synonym für Protagonist oder Protagonistin.
Denn ein/e Protagonist/in ist zwar eine Hauptfigur, aber nicht jede Hauptfigur ist ein/e Protagonist/in. Der Protagonist einer Geschichte ist derjenige, aus dessen Sicht erzählt wird. Er ist der Charakter, der am besten ausgearbeitet wird und mit dem sich der Leser im besten Falle identifiziert.
Aber wie erreicht man das? Was muss ein Charakter haben, damit man mit ihm fühlt?
Neben den Äußerlichkeiten wie dem Aussehen, muss man sich natürlich auch um das Innere, den eigentlich Charakter der Figur kümmern. Dabei helfen die W-Fragen.
*Wie* reagiert die Figur?
*Wieso* handelt sie so, wie sie es tut?
*Was* hält sie davon ab?
Diese Fragen beschäftigen sich mit den inneren Motiven einer Person. Man kann sie auch als Übung an sich selbst ausprobieren.
Wie reagiere ich, wenn ich Donner höre? Mit Freude.
Wieso freue ich mich? Weil ich Gewitter mag und noch nie eine schlechte Erfahrung damit gemacht habe.
Was hält mich davon ab, mich zu freuen? Der Freund, der tierische Angst davor hat, weil er einmal fast von einem Blitz getroffen wurde.
Wenn man den Konflikt der Geschichte bereits kennt (also worum es geht: Siehe Artikel über den Plot), kann man den Charakter danach anlegen. Geht man von der anderen Seite an die Sache heran, also kennt man den Konflikt der Person schon, kann man die Handlung danach strukturieren. Aber das ist eine andere Sache.
Beispiel
Konflikt:
Der Vater von Emma ist vor langer Zeit ermordet worden. Nun ist das gleiche mit ihrer Freundin Lisa passiert. Emma soll Lisa aber vorher noch identifizieren. Da sie traumatische Erinnerungen an die Geschichte mit ihrem Vater hat, wird sie sich sträuben. Die Polizei könnte das falsch auffassen uswusf.Die drei W-Fragen sind also:
Wie reagiert Emma auf die Bitte der Polizei, ihre Freundin zu identifizieren? Mit Abwehr.
Wieso tut sie das? Weil sie das an ihren Vater erinnert.
Was hält sie davon ab? Die Angst.
Die W-Fragen beinhalten zudem einen weiteren wichtigen Punkt, den man bei der Charakterentwicklung beachten sollte: Die Motivation der Figur. In Emmas Fall ist es die Angst vor der Situation, die sie dazu treibt, abwehrend zu reagieren.
Die Motivation der Protagonistin ist die Authentizität der Geschichte. Wenn wir Emmas ermordeten Vater weglassen und sie einfach so mit Abwehr reagiert, ist das bei einer Leichenschau vielleicht noch halbwegs verständlich. Aber nehmen wir einmal einen völlig absurden Grund:
Patrizia hat Angst vor Popcorn. Nehmen wir ihr das ab, wenn wir ihre Motivation nicht kennen? Nein. Ich persönlich würde das eher als Spleen einordnen und von ihr erwarten, sich nicht so anzustellen.
Wenn man aber bedenkt, dass Patrizia sich als Kind beim Popcorn machen die rechte Gesichtshälfte mit Öl verbrannt hat, sodass sie heute noch Narben hat, dann wird das Ganze schon logischer.
Jede Figur braucht eine hinreichend starke Motivation, um sich in die Geschichte zu stürzen. Was das ist, hängt von der Geschichte ab. Bei Patrizia wäre das vielleicht ihre Freundin, die gefangen gehalten und damit bedroht wird, ebenfalls das Gesicht mit Öl verbrannt zu bekommen. Patrizia hat a) Angst um ihre Freundin und b) kann sie die Pein nachvollziehen, die so ein Unfall hinterlassen kann.
Die Motivation in diesem Falle ist die Freundin vor einem Schicksal zu retten, dass sie am eigenen Leib erfahren hat. Man hat also sowohl einen guten und nachvollziehbaren Grund, weshalb Patrizia ihre Freundin retten will als auch eine hinreichend starke Motivation.
Das macht einen Charakter glaubhaft.
Weiter im Text: Jede Person, ob real oder fiktiv, sollte Charaktereigenschaften besitzen. Und zwar keine klischeehaften. Nehmen wir das A-typische Frauenbild.
Entweder: Armes Ding, das gerettet werden muss, selber so gar nichts hinbekommt und den starken Helden an seiner Seite als Existenzgrund nahezu braucht. Diesem Charakter würde ich folgende Charaktereigenschaften zuordnen:
- Ängstlich
- Sensibel
- Angepasst
- usw.
Oder: Starke Frau, die alles im Griff hat, sich nicht helfen lässt und Männer als eine Plage sieht. Wie wäre es bei diesem Charakter mit folgenden Eigenschaften?
- Rechthaberisch
- Egozentrisch
- Attraktiv
- Weltoffen
- Realistisch
- usw.
Das ist - um es zu benennen - schwarzweiß Malerei. Jede Person hat aber auch widerstreitende Eigenschaften. So ist man nach außen hin vielleicht die taffe Geschäftsfrau, traut sich aber vor lauter Schüchternheit nicht, die Nachbarin nach einer Packung Mehl zu fragen. Kann es alles geben.
Was ich damit sagen will, ist im Prinzip nur das: Wir entwickeln bitte keine Mary Sue, sondern eine Figur, die sowohl Stärken als auch Schwächen hat. Das ist wichtig, um Authentizität zu erreichen.
Und zu guter Letzt: Hat man all das beherzigt, ist nur noch eins wichtig: Haltet euch dran. Nichts ist unglaubwürdiger als ein Protagonist, der auf der Hälfte der Geschichte auf einmal eine (unbegründete!) 180° Wende macht.
Folgendes kann euch bei der Charakterentwicklung helfen: Zum Fragebogen
Kommentare
Hallo Moira!
Wirklich schöner Artikel, auch der Fragebogen gefällt mir. Bei letzterem würde ich aber noch drei Punkte hinzufügen, besonders wichtig ist mir Nummer 1: Was ist der Lebenstraum des Charakters?
Nummer 2: Beschreiben einen ganz normalen Tag deines Charakters, bevor die Handlung beginnt. Das muss nicht spannend, sollte aber schön detailliert sein.
Nummer 3: Hat dein Charakter eine Behinderung oder Krankheit (körperlich oder psychisch)?
Welche Dinge mir bei Charakteren immer gut helfen:
Die Big Five:
Die fünf Charaktereigenschaften, auf die sich eigentlich alle anderen zurückführen lassen, ein Konzept von den Psychos.
1. Neurotizismus (Emotionale Instabilität/Ängstlichkeit): Eine Person mit hohem neurotizismus würde folgende Sätze bejahen: Häufig fühle ich mich vollkommen nutzlos. Meistens wünsche ich mir jemanden, der meine Probleme löst. Manchmal kann ich gar nicht sagen, woher meine Gefühle kommen.
2. Extraversion: Das kennt wohl jeder. Eine Person mit hohem Extraversionswert würde folgende Sätze bajahen: In der Menge stehe ich meist im Mittelpunkt. Ich gehe gern unter Leute. Wenn ich alleine bin, wird mir schnell langweilig.
3. Gewissenhaftigkeit: Da muss man nicht viel zu sagen.
4. Verträglichkeit: Auch dazu muss man nicht viel sagen.
5. Offenheit für neue Erfahrungen: Leute mit dieser Eigenschaft sagen "Ja" zu: Ich probiere gerne exotisches Essen aus. Kunst und Lyrik kann mich regelrecht begeistern. Ich philosophiere gerne mit anderen über die großen Dinge des Lebens.
Verteil 250 Charakterpunkte auf diese 5 Eigenschaften, die je eine Skala von 1-100 haben.
Das kann sehr aufschlussreich sein.
Ein anderes nützliches Konzept:
Die Temperamete. Es gibt 4 davon.
a) Sanguinisch: Heiter, gesprächig, phantasie- und humorvoll, unstetig, skrupellos.
b) Phlegmatisch: Träge, fatalistisch, passiv, lethargisch, friedliebend, ordendlich, zuverlässig.
c) Cholerisch: Reizbar, willensstark, nervös, lebhaft, furchtlos, entschlossen, jähzornig.
d) Melancholisch: Nachdenklich, traurig, misstrauisch, verlässlich, selbstbeherrsch.
Der Temperamentenlehre entsprechend gehört jeder nur einem Temperament an, aber dass soll jeder halten wie er will. Jedes der Temperamente hat Vor-, aber auch Nachteile. Welches passt am besten zu euren Charakteren? Wenn unterschiedliche Temperamente versuchen einen Konflikt zu lösen, ergibt das häufig einen Mordsspaß...
Was mir noch einfällt:
Wo kann man Charaktereigenschaften gut darstellen?
Situation 1: Es gibt Situationen, in denen 98 Prozent der Menschen gleich handeln, z.B., wenn man in einer Bank steht, bewaffnete Männer hereinstürmen und sagen: AUf den Boden legen. Egal wie cholerisch dein Chara ist, er wird sich wahrscheinlich dennoch nicht auf einen der Räuber stürzen.
Situation 2: Es gibt Situtionen mit mittlerem Spezifitätsgrad, dass heißt, dass man zwar grundsätzlich dasselbe, aber auf andere Arten macht, z.B., sich auf eine wichtige Prüfung vorbereiten. Manche haben ihr Lernen schon vor Monaten angefangen und in übersichtliche Tabellen aufgegliedert, andere fangen erst einen Tag vorher an, aber am Ende hat jeder irgendwie gelernt.
Das sollte die Basis des Autors sein, denn sie sind weder todlangweilig, noch gibt es keine Möglichkeit, den Charakter zu zeigen.
Situation 3: Am besten sieht man den Charakter eines Menschen, wenn ihm langweilig ist, denn er hat jetzt alle Möglichkeiten. Er kann sich hinsetzen und lesen, eine Party organisieren oder Anfangen Gymnatikübungen zu machen. ABer wer will das lesen? Wahrscheinlich keiner.
Am besten also einen neuen Chara einführen mit Situation Nummer 2, und dann ab und zu Situationen der Sorte 1 einstreuen.
Viel Spaß!
Danke!
Dazu habe ich noch eine Frage: Wie machst du das beschreiben? Eher wie eine Kurzgeschichte oder einfach trocken runtergeschrieben?
Da das niemand außer mir liest, schreibe ich es einfach runter, wie es mir gefällt. Es geht mir nur darum, mich in das Leben des Charkter einzufühlen. Mal mit Stil, mal ohne.
Ich bin nämlich gerade bei diesem Schritt und versuche krampfhaft diesen total langweiligen Tag irgendwie stilistisch... nett (?) hinzubekommen. Halt so, wie man sonst auch immer versucht zu schreiben. Aber das ist nicht so das Wahre, muss ich sagen...
Macht doch nix. Liest ja keiner. Bei mir sieht das auch häufig so aus:
"Um 6:30 klingelt der Wecker, aber Neele liegt schon wach im Bett. Wieder einmal hatte sie einen Alptraum. Sie steht auf, greift nach der Flasche mit dem Desinfektionsspray und sprüht sich und das Bett damit ein. Wiederwärtige Keime! Dann geht sie ins Bad und beginnt ihr morgendliches Waschritual. Zähneputzen, duschen, Körper desinfizieren, Kleidung desinfizieren, anziehen, Händewaschen und desinfizieren. Wo war nur ihr geliebter Schal? Hatte ihre Mutter ihn schon wieder versteckt, nur weil es Juni war? Ohne den würde sie nicht aus dem Haus gehen!"
Und so weiter und so fort. Nicht schön, aber nützlich.
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