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Die Erzählperspektive

Bild von Zauberling

„Die Perspektive ist der Standpunkt des Akteurs, mit dessen Augen das Geschehen beobachtet wird.“ (Sol Stein) „Sie bestimmt, wie die Figur die Welt sieht.“ (J.N.Frey)

Wichtig ist, den Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen. Der Erzähler wird vom Autor gestaltet, so wie der Autor auch alle anderen Elemente seiner Geschichte schafft.

Voraberklärung:
Die Begriffe Innen- und Außensicht bezeichnen Perspektiven beim Erzählen, die einem Erzähler zur Verfügung stehen können oder nicht.

  • Innensicht bedeutet, dass der Erzähler in das Innere, in Gefühle und Gedanken einer Figur Einblick hat.
  • Außensicht bedeutet, dass der Erzähler die Figuren nur (ggf. als Beteiligter) von außen sieht.

Davon abzugrenzen sind die Außenperspektive und Innenperspektive. Sie stellen den personalen Erzählerstandort dar.

Die Perspektiven und ihre Merkmale

1. Auktoriale Erzählperspektive
Bei der auktorialen Erzählperspektive befindet sich der „Point of View“ im Bewusstsein eines außerhalb der erzählten Welt befindlichen Erzählers. Der Erzähler steht also außerhalb der fiktionalen Welt der Figuren.
Der auktoriale Erzähler ist der allwissende Erzähler. Er weiß über alles Elemente und Figuren der Geschichte Bescheid. Das betrifft sowohl die Außensicht, als auch die Innensicht der Figuren.
Ein weiteres Merkmal der auktorialen Erzählperspektive ist die spürbare Distanz zur Geschichte. Die Anteile des narrativen Erzählens überwiegen.
Häufig wird auch indirekte Rede oder Konjunktiv verwendet.

Weitere Hinweise für die auktoriale Erzählperspektive:

  • Zwischenreden und Kommentare zum erzählten Geschehen
  • Interessen, Weltkenntnis, Einstellungen zu politischen, sozialen und moralischen Fragen, Voreingenommenheit gegenüber bestimmten Personen oder Dingen des Erzählers wird deutlich
  • Erzähler beeinflusst unbewusst den Leser

2. Personale Erzählperspektive
Im Gegensatz zum auktorialen Erzähler ist der personale Erzähler an die Innensicht einer oder mehrerer Personen gebunden. Der „Point of View“ ist also an den Blickwinkel einer oder mehrerer Figuren der Geschichte gebunden.
Bei der personalen Erzählperspektive tritt der Erzähler zurück. Es wird mehr gezeigt, weniger erzählt. Szenische Darstellung, erlebte Rede und innerer Monolog dominieren.
Der Autor hat dabei die Freiheit zu entscheiden, wie dicht sein Erzähler am Innenleben des Perspektivträgers die Geschichte zeigt.

Wirkung:

  • Das Wahrnehmungsfeld wird auf eine oder mehrere Figuren beschränkt. Es wird nicht das gesamte Geschehen überblickt.
  • Es wird sich auf das „Hier und Jetzt“ beschränkt.
  • Beschreibt der Perspektivträger eine Situation aus seiner Sicht, beschränkt sich die Sicht auf die anderen Figuren auf die Außensicht. Was in dem Gegenüber vorgeht, bleibt verborgen.
  • Häufig ist die innere Handlung der Perspektivfigur stark betont. Dazu gehören Gefühle, Gedanken oder Erinnerungen.
  • Der Leser ist an Gefühle und Emotionen einer (oder mehrerer) Figuren beschränkt und wird dadurch beeinflusst.

3. Neutrale Erzählperspektive
In der neutralen Erzählperspektive gibt es keinen erkennbaren Erzähler, weder den auktorialen, noch den personalen. Der „Point of view“ liegt auf einem unsichtbar bleibenden Beobachter. Es ist eine Variante des personalen Erzählers, allerdings zieht sich der Erzähler hier ganz aus der Figurenwelt zurück.
Häufig findet man den neutralen Erzähler in szenischen Darstellungen oder sachlich beschreibenden oder berichtenden Erzählpassagen ohne jeden Erzählerkommentar, also z.B. lange Passagen von Dialogen ohne Actionbeats und mit sehr wenigen Sprechermarkierungen.

4. Ich-Erzählperspektive
Wichtigstes Merkmal für die Ich-Erzählperspektive ist der durchgehende Gebrauch der ersten Person Singular. Das Blickfeld des Erzählers wird auf die Außensicht und die Innensicht der eigenen Figur begrenzt.
Die Ich-Perspektive ist unmittelbar. Alles was die Figur sieht, hört, fühlt, denkt wird aufgeschrieben.
Darüber hinaus wird diese Erzählperspektive in zwei Untergruppen eingeteilt.

Auktoriale Ich-Erzählperspektive
Der Unterschied des auktorialen Ich-Erzählers zum auktorialen Erzähler ist, dass der Ich-Erzähler in der von ihm erzählten Welt steht, oder einstmals stand. (Innenperspektive)
Wichtigstes Merkmal der auktorialen Ich-Erzählperspektive ist die zweipolige Ich-Ich-Struktur, d.h. unterschiedliche Ich-Instanzen. Es gibt ein erzählendes Ich. Das ist das „Ich“, das etwas, was vor längerer Zeit geschehen ist, erzählt. Und es gibt das erlebende Ich. Das „Ich“, das einst bestimmte Dinge erlebt hat. Aufbebaut ist es dabei so, dass das erzählende Ich beschreibt, was das erlebende Ich gesehen hat.

Als Verdeutlichung dazu siehe Grafik: http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/m...

Typisch für die auktoriale Ich-Erzählerperspektive ist auch das Ansprechen von Problemen beim Erzählen, das Artikulieren von Einfällen über die bestmögliche Weiterführung der Geschichte o.ä.

Personale Ich-Erzählperspektive
Bei der personalen Ich-Erzählperspektive steht das erlebende Ich des Erzählers im Mittelpunkt. Es wird eine sehr große Nähe zum Perspektivträger aufgebaut. Nur dessen Gedanken, Gefühle und Erinnerungen werden vermittelt. Die Sicht auf andere Figuren kann nur von außen beschrieben werden. (Außensicht) Was das Innenleben anderer Figuren betrifft, kann nur vermutet werden.
Das Blickfeld des Erzählers (Point of View) wird auf die Außensicht und die Innensicht der Perspektivfigur beschränkt.


Quellen:

http://www.teachsam.de/deutsch/d_literatur/d_gat/d_epik/strukt/erzpers/e...
Sol Stein – Über das Schreiben
James N. Frey – Wie man einen verdammt guten Roman schreibt

Kommentare

Bild von Shay

Klasse! Herzlichen Dank für den Ausführlichen Artikel.

Ich habe beim Lesen gerade überlegt wo da meine eigene Geschichte steht und ich denke ich habe das des öfteren gewechselt.

Wie ist es eigentlich für eine Geschichte zu empfehlen? Eine Erzählperspektive durchhalten oder kann man da (natürlich nicht in einer Szene) wie es für das Geschehen am sinnvollsten scheint springen?

Oder ist es ein Muss während eines Romans die Erzählperspektive beizubehalten?

Falls ja... Warum?

Bild von Jin

Wie meinst du das konkret mit dem "Wechsel"? Von Ich-Erzähler auf personalen Erzähler?
Für mich ist die Perspektive automatisch mit der Figur verknüpft. Wenn du die Figur wechselst, kannst du die Art wie sie erzählt ebenfalls wechseln. Da sehe ich absolut kein Problem.

Bei einem einzelnen Erzähler finde ich allerdings eine durchgehaltene Perspektive besser. Natürlich kann man mal näher an einer Figur dran sein und einmal weiter weg, aber die Erzählstimme sollte ohne einen Auslöser nicht abrupt umschwenken. Damit kann man einen Leser hochkant aus den Text katapultieren - und meistens ist das nicht das erwünschte Ergebnis.

Bild von Shay

Ich meinte bezogen auf die Figur. Wenn ich vom Ich zum personalen Erzähler wechsele, empfinde ich das ebenfalls beim Lesen als Bruch.
Wenn ich oben in den Text schaue, habe ich hauptsächlich Wechsel zwischen neutraler Erzählperspektive und personaler Erzählperspektive und die Personale Erzählperspektive ändert sich (natürlich) von Person zu Person.

Bild von Jin

Theoretisch sehe ich da kein Problem. Wie sich dein Text schlussendlich liest, kann ich von hier aus nur raten. Wink

Bild von Shay

Ich habe ja schon ein Stückchen eingestellt- allerdings ist da die Perspektive (meines Wissens nach) nicht gewechselt.
Bestimmt werde ich aber auch noch andere Teile einstellen.
Ich will hier bloss nicht gleich zu Anfang das Forum überfluten Wink

Bild von Junipera

@Shay:
Ich würde dir eher raten bei einer Perspektive zu bleiben, es sei denn du willst es als Stilmittel benutzen.
Wenn deine Perspektive die Ich-Perspektive sein sollte, dann wird die Geschichte auch nur aus dieser einen Sicht erzählt. Heißt Sie weiß nur das was Sie sieht und erfährt.

Liebe Grüße Juni

Ich hab da ne Frage:
Ich schreibe so, dass ich eine Hauptperson habe die aus der Ich-Perspektive alles erzählt, also eigentlich eine personele Ich-Erzählperspektive. allerdings springe ich auch ab und zu ins Innere einer anderen Person, die sehr wichtig für die Handlung ist, aber nicht unbedingt eine Hauptperson ist.

Für mich ist es so einfacher unterschiedliche Teile der Geschichte aus der Perspektive desjenigen zu schreiben der am meisten davon betroffen ist, aber trotzdem den eigentlichen Ich-Erzähler beizubehalten.

Meint ihr das geht und der Leser versteht das?

Alex

Bild von Shay

Ich denke auch das kann gehen wenn es gut gemacht ist und klar getrennt wird: Wann ist der Ich Erzähler am Zug und wann wechselst du zu einer anderen Person. Ich habe bisher noch nichts gelesen, was so geschrieben ist. Das heißt aber nicht, dass sowas nicht geht. Ungewöhnlich ist es aber denke ich.

Bild von Santa Muerte

Wie meinst du das 'ab und zu in eine andere Person springen'?
Mit Textumbruch:
Text (Erzähler 1)

Text (Erzähler 2)
oder nur mit Zeilenumbruch:
Text (Erzähler 1)
Text (Erzähler 2)
oder (was ich für deine Leser nicht hoffe) ohne Zeilenumbruch:
Text (Erzähler 1). Text (Erzähler 2)

Die erste Variante benutze ich auch bei meinem Zweitprojekt. Ich habe die Problematik gelöst, indem ich den verschiedenen Personen eine jeweils eigene Schriftart zugewiesen habe. So hat eine Person Arial, eine andere Times New Roman, usw.
Zusätzlich habe ich den Figuren eigene Erzählstile gegeben, die zu ihrem Charakter passen sollten. So benutzt eine Person ein bestimmtes Wort häufig, eine andere erzählt mit Humor oder tiefstem Ernst, usw.
Damit hab ich noch keine Rückmeldungen über verwirrende Sprünge von meinen Lesern erhalten.

Ansonsten könnte man vielleicht versuchen, durch das Nennen von Namen klarzumachen, wer gerade erzählt. Wenn zum Beispiel von Karl die Rede ist, kann Karl nicht Ich-Erzähler sein.
Wenn das alles nichts nützt, kannst du ja immer noch über den Abschnitt den Namen des Erzählers schreiben.

Die zweite Variante wäre sicher gewöhnungsbedürftig, aber nach den ersten 2-3mal wird der Leser das schon verstehen.
Die dritte Variante hingegen klingt eher verwirrend, daher wäre ich ihr gegenüber skeptisch.

Bild von Shay

Kurze Nachfrage:

Ich hatte dich (Alex) so verstanden, dass du weitgehend aus der Ich Perspektive erzählst, dann aber ab und an zu anderen Personen (nicht ich Perspektive) wechselst?

Oder schreibst du wenn du springst in ich Perspektive (nur dann von der anderen Person?) weiter?
Letzteres geht gut (siehe Santa) da kenne ich auch ein paar Romane die so geschrieben sind.

Wenn ich wechsle schreibe ich in der dritten Person, allerdings ist es dabei so, dass ich von der person die die szene am meisten betrifft auch das innenleben, also gedanken und gefühle erfahre, von den anderen (also auch der eigentlichen Hauptperson) nicht.

Bild von Simplify

Das ist genau der Artikel, den ich mir gewünscht habe: Ein Hintergrund zu den verschiedenen Erzählperspektiven und ihrer Wirkung. Vielen Dank dafür, Zauberling!

Hat jemand noch Büchertipps oder Artikel, in denen das Thema weiter vertieft wird? Sind die beiden Referenzbücher "Über das Schreiben" in der Hinsicht empfehlenswert?

Bild von Zauberling

"Über das Schreiben" von Sol Stein ist auf jeden Fall empfehlenswert. Das von James N. Frey heißt aber "Wie man einen verdammt guten Roman schreibt". (Muss ich mal in dem Artikel korrigieren (lassen).)
In beiden steht recht viel zum Handwerk drinnen.
Wenn du englische Bücher liest, soll auch "techniques of the selling writer" gut sein, habe ich mir sagen lassen. Wink

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