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Drehbuchdenken

Bild von Zauberling

Die Fähigkeit des Drehbuchdenkens ist wichtig für jeden Schreibenden. Durch das Drehbuchdenken kann man selbst und schließlich auch der Leser viel leichter in die Atmosphäre, Gefühle und Bilder der Geschichte eintauchen. Man visualisiert eine Szene, sodass sie im Kopf Gestalt annimmt – eben wie im Film. So ist es wesentlich einfacher, sie beim Schreiben zu Papier zu bringen. Wie mache ich das?

Sprachliche Bilder

Das Drehbuchdenken ist eng mit den sprachlichen Bildern verbunden. Man zeigt eine Situation, zum Beispiel wenn eine Figur an einem Fluss sitzt.
Man könnte schreiben: „Johann saß am Fluss.“
Langweilig, oder?
Dieser Satz erzählt uns was Johann gerade macht, aber er erzeugt kein Bild, weckt keine Gefühle.

Hier mit Bildern:

„Johann setzte sich an den äußersten Rand eines Baumstumpfes und faltete die Hände. Die klamme Morgenluft ließ ihn Frösteln. Einzig das Wasser, das im Flussbett über flache Steine plätscherte, gab ihm ein Gefühl der Wärme.“

Es ist nur eine Momentaufnahme, aber verrät uns viel mehr, als der vorherige Satz. Hier werden mehrere Eindrücke miteinander verbunden. Man spricht auch von den „Sinnen“.

Die fünf Sinne

In meinem Bespiel spreche ich das „Fühlen“, das „Sehen“ und das „Hören“ an.

  • Fühlen: „… klamme Morgenluft … frösteln … Gefühl der Wärme …“
  • Hören: „… Wasser … plätscherte“
  • Sehen: „…Wasser, das im Flussbett über flache Steine …“
  • Das Riechen und das Schmecken wurde hier nicht eingebaut.

Welche Sinne zum Einsatz kommen, hängt immer von der Bühne / dem Drehort ab. In einer Küchenszene beispielsweise, kann man sehr gut Gerüche und Geschmack verarbeiten.

„Ellen zog sich ihre Kochjacke an und marschierte in die Küche. Sie rümpfte die Nase. Das Durcheinander von Fischgerüchen und Vanille war besser als jeder Appetitzügler.
„Morgen Ellen.“ Ellens Lieblingskollege rührte strahlend in einem Topf. „Ich habe eine erstklassige Vanillecreme gekocht. Probier mal.“
„Lass mal. Ich habe gerade gefrühstückt.“
„Keine Ausflüchte.“
Schon steckte ein Löffel in Ellens Mund. Die Creme war noch warm. Wie erwartet schmeckte sie nach Vanille und einem Hauch Kirsche.“

Atmosphäre

Der Film, der vor dem inneren Auge abläuft, kann erweitert werden, um die Atmosphäre auszubauen und Informationen zu liefern.

„Dicke Wolkenberge hingen drohend über dem Dorf. Wann der nächste Schauer den Boden weiter aufweichte, war nur noch eine Frage der Zeit. Johann stapfte über die matschige Wiese zu seinem Lieblingsplatz. Selbst die Sumpfdotterblumen schienen an Farbe verloren zu haben. Leuchtend gelb wetteiferten sie normalerweise mit der Sonne. Heute waren sie grau wie der Himmel über ihnen. Johann setzte sich …“

Das Bild eines wolkenverhangenen, regnerischen Tages. Alles ist grau, trüb und wenig einladend. Man kann sich gut in die Situation hineinversetzen, spürt den matschigen Boden, die Nässe.

Außerdem erfährt man, dass Johann in einem Dorf wohnt, dass er erst über eine Wiese muss, um an den Bach zu gelangen. Die matschige Wiese liefert den Hinweis, dass es seit längerer Zeit regnet. Die Sumpfdotterblumen zeigen an, dass es wahrscheinlich Sommer ist. Johann mag Sumpfdotterblumen vielleicht, gezeigt durch den Vergleich mit der Sonne.

Kamera

Drehbuchdenken ist aber noch viel mehr. Stellt euch eine Bühne oder ein Filmset vor. Wo ist zum Beispiel die Kamera?

Ich stelle sie mir immer am Kopf der Figur vor, aus dessen Sicht ich schreibe. So vermeidet man auch gleich Perspektivbrüche. Ich schreibe das, was meine Figur sieht, hört, schmeckt, riecht, fühlt.

Kameraführung und Zoomen

Manchmal, zu Beginn eines Kapitels bspw., kann man „wegzoomen“, z.B. um eine bestimmte Atmosphäre zu erzeugen, bevor die Handlung beginnt.

„Dicke Wolkenberge hingen drohend über dem Dorf. Wann der nächste Schauer den Boden weiter aufweichte, war nur noch eine Frage der Zeit. …“

Natürlich kann man auch das Gegenteil verwenden. Ein Detail „heranzoomen“.

„ … Einzig das Wasser, das im Flussbett über flache Steine plätscherte, gab ihm ein Gefühl der Wärme. Es war sein Platz. Es war ihr Platz.
Jeden Sonntag Nachmittag hatten sie sich an eben dieser Stelle getroffen.
Ellen hatte immer ihre Schuhe ausgezogen und war durch das Wasser gewatet. Ihr Ziel war der große Stein, der das Wasser in zwei Rinnsaale teilte.
Fast konnte Johann Ellen sehen, wie sie auf diesen Stein kletterte. Ihre Zehen, die sich an den Rand klammerten, Wassertropfen, die auf den Nägeln glitzerten.“

An diesem Beispiel lässt sich auch sehr gut die Kameraführung zeigen.

Erst wird der Leser durch den Bach geführt, über die Steine. Im Kopf entsteht das Bild einer Frau, die durch das Wasser watet. Die Kamera führt uns bis zu einem großen Stein.
Dann kommt das Zoomen. Wir sehen nur die Füße der Frau, ihre Zehen. Und dann die Nägel und die Wassertropfen darauf. Es wird also immer näher an die Zehen der Frau gezoomt.

Perspektive

Den Begriff Perspektive kennt jeder aus dem Kunstunterricht. Kurz zu den verwendeten Begriffen:

  • Sehstrahl: Alles was das Auge erfasst, ohne dieses zu bewegen. Der Sehstrahl hat die Form eines Kegels.
  • Sehachse: Die Mittellinie des Sehstrahls.

Zentralperspektive: Die Betrachtung aus normaler Augenhöhe.

Stellt man sich auf eine Wiese und sieht einfach geradeaus, dann teilt sich das Bild immer in Himmel und Erde. Beide Teile sind gleich groß. Der Horizont trennt die beiden Teile voneinander.
Der Sehstrahl verläuft waagerecht, die Sehachse liegt auf der Horizontebene, in der sich auch immer die Augen des Betrachters befinden.

„Johann stapfte über die matschige Wiese zu seinem Lieblingsplatz. Selbst die Sumpfdotterblumen schienen an Farbe verloren zu haben.“

Das alles erfasst Johann mit dem Sehstrahl als er über die Wiese geht.

Vogelperspektive: Beschreibt die Betrachtung von einem höher gelegenen Punkt. Man sieht nach unten, d.h. der Sehstrahl ist nicht mehr waagerecht und die Sehachse befindet unter der Horizontlinie.

„Johann bückte sich und zog an den Schnürsenkeln.“

Johann guckt also von oben auf seine Schuhe hinunter.
Achtung: Steigt eine Figur auf eine Leiter, steigt auch die Horizontlinie , da der Horizont immer auf Augenhöhe des Betrachters liegt.

Froschperspektive: Betrachtung von einem unter der normalen Augenhöhe liegendem Augenpunkt.

Der Sehstrahl ist nach oben gerichtet, die Sehachse liegt über der Horizontlinie.

„In der Krone einer Buche knackte es. Johann zuckte zusammen und sah hinauf. Ein Schatten verschwand hinter einem dicken Ast.“

Achtung: Geht eine Figur in die Hocke, verschiebt sich auch der Horizont.

Licht und Ton

Licht und Ton spielen am Set eine wichtige Rolle.

Licht:

  • Wie sieht es mit den Lichtverhältnissen am Set aus?
  • Ist es Tag oder Nacht?
  • Witterung: Scheint die Sonne oder ist der Himmel voller Wolken?
  • Wie sieht die Beleuchtung eines Raumes aus?
  • Welche Lichtquellen gibt es und wie viele? (Lampen, Kronleuchter, Kerzen, Fackeln)
  • Gibt es Fenster? (wie viele, wie groß, schmutzig, sauber, Buntglas)

„Dicke Wolkenberge hingen drohend über dem Dorf. … Selbst die Sumpfdotterblumen schienen an Farbe verloren zu haben. Leuchtend gelb wetteiferten sie normalerweise mit der Sonne. Heute waren sie grau wie der Himmel über ihnen.“

Hier wird vermittelt, dass es wolkenverhangen ist, ohne Sonnenlicht. Eine Art dämmriges Tageslicht.

Nun zum Ton:

  • Ist es still? (Wenn ja, wie still?)
  • Gibt es ein Geräusch, das besonders hervor sticht? (Ticken einer Uhr, ein Presslufthammer)
  • Welche Wirkung haben die Geräusche auf die Figuren? (Geräusche können beruhigen, erschrecken, traurig oder froh machen, Erinnerungen wach rufen, Angst machen, Träumen lassen …)
  • Gibt es Musik?

„Einzig das Wasser, das im Flussbett über flache Steine plätscherte, gab ihm ein Gefühl der Wärme. … In der Krone einer Buche knackte es. Johann zuckte zusammen …“

Das Plätschern des Wassers wurde anfangs schon einmal erwähnt. Was löst es beim Prota aus? Ein Gefühl der Wärme. Er verbindet angenehme Gedanken / Erinnerungen damit, wie wir im Verlauf des Textes erfahren.
Das Knacken in den Ästen über ihn hat eine ganz andere Wirkung auf ihn. Er erschrickt.

Kopfkino

All diese Dinge helfen, sich eine Szene vor dem inneren Auge vorzustellen, bevor man sie aufschreibt. Es gibt Autoren, die träumen ganze Szenen oder Kapitel. Andere tagträumen.
Hat man solche Träume nicht, kann man auch anders an die Sache heran gehen.

Dazu nimmt man eine Szene, die man gerade schreiben will und sieht sich die vorhandenen Informationen an. (z.B. in der Szenentabelle; Ort, Witterung, Jahreszeit, Tageszeit etc.) Dazu kommt die emotionale Verfassung der Figur. Dann stellt man die Figur auf die Bühne. Wieder am Beispiel von Johann:
Es ist Sommer. Es regnet. Es ist kühl. Die Bühne ist ein Bach. Stellt euch nun vor, ihr wärt Johann und würdet euch entscheiden, im Bach zu waten.
Was passiert bis dahin? Was ist der Auslöser? Wie geht es euch, was passiert, wenn ihr in das Wasser steigt? Dann beginnt der Film vor dem Augen abzulaufen.

Das richtige Maß finden

Um dem Leser nicht den Genuss seines eigenen Kopfkinos zu nehmen, ist es wichtig, nicht alle Details aufzuschreiben. Nur das was wichtig ist, um ein Bild zu vermitteln. Anreize geben nicht Lesegenuss nehmen!

Ausnahme: Will ich etwas Besonderes beschreiben, kann ich schon mal etwas mehr verraten. So könnte ich eine Stelle, an der Johann mit seiner Ellen immer saß ausführlich beschreiben.
Oder wenn etwas nicht in das große Bild passt. Zum Beispiel könnte ein kahler Baum im Sommer beim Prota Interesse wecken. Er könnte diesen Baum ausführlich betrachten.
Übung

Als Übung stellt euch bitte folgendes vor:

Euer Prota steht vor einer Burgruine. Die Ruine ist ihm unheimlich. Viele Legenden ranken sich um dieses alte Gemäuer. Legenden von schrecklichen Dinge, die dort stattfanden und die den Prota davon abhalten, in die Ruine zu gehen. Es ist August und sehr heiß, obwohl es bereits dämmert.
Als die Sonne untergeht, sieht der Prota etwas, so dass er trotz des mulmigen Gefühls im Bauch in die Ruine geht. Er verläuft sich in der Ruine oder bricht irgendwo ein. Er kann also nicht mehr raus. Es wird dunkel.
Vermittelt dem Leser die Angst, die Einsamkeit und die Anziehungskraft dessen, was der Prota sah.

Kommentare

Bild von Sheila McLane

Hallo Zauberling,

da ich gerade das Vergnügen habe, zu einem Drehbuch den Roman zu schreiben, kann ich zumind. zu dem *Drehbuch-Denken* etwas dazu sagen.

*Drehbuch-Denken* ist der falsche Ausdruck. Das Drehbuch enthält wirklich nur das sauber abgenagte und knochentrockene Skelett einer Szene. Da steht nur

Zeit
Ort
Personen
Wichtige Gegenstände
Dialog

Alles, was du beschreibst, ist das Ergebnis der Fantasy des Regiesseurs (und gewissermaßen die der Schauspieler) oder (wie bei mir) die des Autors.

Hier mal ein Bsp. aus dem aktuellen Projekt:

AUSSEN / TAG / VOR DER POLIZEIWACHE

Harry verlässt die Polizeiwache

Michael und Lisa holen ihn mit dem Wagen ab

INNEN/AUßEN / TAG / AUTOFAHRT DURCH DIE STADT

MICHAEL

Na, alles klar?

HARRY

Alles Scheiße! Die haben mich wie einen Verbrecher behandelt und sogar geschlagen!

LISA

Das ist doch verboten ...

HARRY

Sehr witzig! Wirklich sehr witzig!
(grinsend)
Aber ich habe mich gewehrt. Ordentlich gewehrt ...

Dieses Skelett gilt es nun mit *Fleisch und Leben* zu füllen. Und da setzt nun der von dir beschriebene Vorgang ein.

Wenn ich allerdings mit dem Roman fertig bin, fängt bei mir wieder das Umdenken an. Dann muss das Drehbuch erneut dem Roman angepasst werden. Schlüsselszenen/Schlüsselsätze müssen herausgefiltert und wieder bis auf die Knochen abgenagt werden. Denn im Drehbuchschreiben gilt: Jede Seite Drehbuch eine Minute Film. - Die Vorgabe lautet: max. 150 Minuten/Seiten - besser 120 Minuten/Seiten.

Liebe Grüße Sheila

Bild von Zauberling

Hallo Sheila,

ich glaube, wir bzw. ich habe da die falsche Überschrift gewählt. Smile

Wir hatten im alten Forum einen Thread, in dem es um die eigene Vorstellungskraft ging. Wir haben diskutiert, inweiweit es möglich ist, dass mit einem Film oder einem inneren Drehbuch vergleichen kann. Also, wie man sich die Bilder vorstellt (manche träumen es), ob man auch Ton dazu hört und vor allem, wie man das alles in Worte umsetzt. Wieviel man dem Leser davon zeigt und wie viel möglich ist.
Daraus ist dann dieser Artikel entstanden.

Ich danke dir trotzdem für diese Ergänzung. Das kann in schwierigen Szenen weiterhelfen.

LG
Yvonne

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