Show, don't tell!

Zeigen, nicht erzählen. Das hat man dir sicher schon häufig vor den Latz geknallt, wenn es um das Schreiben an sich ging. Was ist das überhaupt? Wie benutze ich es? Wann zeige ich dem Leser etwas in meiner Geschichte und wann erzähle ich? Ist das nicht alles irgendwie das Gleiche? Ich schreibe doch schließlich! Nein, ist es nicht.
Szenisch und narrativ, "Show" und "Tell"
Das Folgende gibt einen kurzen Abriss über ein langes Thema. Ergänzungen sind möglich; wer also seinen Lieblingsaspekt von "Show und Tell" oder "senisch und narrativ" vermisst, sei hiermit herzlich eingeladen, seinen Senf dazuzugeben.
Szenisch oder narrativ?
Hühnerfarmer Knut zankte den ganzen Tag mit seiner Lieblingshenne Henrietta.
Ist an dem Satz was auszusetzen? Nö. Der Leser erfährt glasklar und knapp, was sich an diesem Tag ereignet hat. Dennoch würde man ein Buch, das ausschließlich in diesem Stil gehalten ist, wohl nicht mit Vergnügen lesen.
"Henrietta! Deine Eier sind zu klein."
Henrietta reckte ihren Schnabel in die Luft. "Es kommt nicht auf die Größe an."
"Mir schon. Ich habe Dir schon tausendmal gesagt, ich will Güteklasse A."
"Oh! Entschuldige bitte, dass ich es wage, deinen Ansprüchen nicht zu genügen. Für ein Küken ist in meinen Eiern mehr als genug Platz."
Knut wurde rot. "Du denkst immer nur an dich. Ich steh den ganzen Tag da und füttere euch, und was ist der Dank? Mickrige Eier. Da ist ja noch nicht mal genug dran für Veganer."
Was ist der Unterschied zum ersten Beispiel? Hier wird Schlag für Schlag erzählt, was während des Wortduells zwischen Knut und Henrietta passiert. Beispiel eins rafft, Beispiel zwei schwelgt in Details. Könnte man Beispiel eins verfilmen? Nö. Ist nix da, was man zeigen könnte. Beispiel zwei hingegen läuft vor dem geistigen Auge ab wie ein Film.
Kurzum -- Beispiel eins ist in narrativer Zusammenfassung gehalten, Beispiel zwei erzählt szenisch.
Würde man ein Buch lesen wollen, das ausschließlich szenisch erzählt ist? Nie und nimmer. Wollen wir etwa Knut dabei beobachten, wie er einen Tag lang den Hühnerstall säubert?
Knut hob das Dach von Stall sieben, kehrte mit Spachtel und Handfeger die Hinterlassenschaften der Hühner zusammen, sammelte Federn auf, tauschte das Stroh für die Nester aus, setzte das Dach wieder auf den Stall, ging zu Stall acht, kehrte mit Spachtel und Handfeger die Hinterlassenschaften der Hühner zusammen, sammelte Federn auf, tauschte das Stroh für die Nester aus, setzte das Dach wieder auf den Stall, ging zu Stall neun ...
Spätestens bei Stall achtzehn geht uns der Leser an die Gurgel.
"Szenisch" und "narrativ" sind Erzählmodi, keine Qualitätsmerkmale. Meistens erzählt man szenisch, wenn man das Tempo anziehen möchte, die Spannung steigern. Wenn man hingegen Spannung abbauen will, Zeit verstreichen lassen will, schreibt man meist narrativ.
Wie versaut man sich szenische Passagen?
Alles, was rafft, setzt die Unmittelbarkeit einer Szene herab. Alles, was die Erzählreihenfolge stört, ist ein Szenenkiller. Alles, was "off-stage" passiert, schwächt eine Szene.
Raffen:
Knut griff zur Mistgabel. "Lass meine Hennen in Ruhe, oder ich hinterlasse zwei Löcher in Dir."
Der Fuchs gab klein bei und verschwand.
Was stimmt hier nicht? Der zweite Satz rafft. Wir sehen nicht, wie der Fuchs klein beigibt, wir sehen nur das Ergebnis. Szenischer wäre: Der Fuchs zog den Kopf ein, starrte Knut aus weit aufgerissenen Augen an und setzte über den Zaun.
Erzählreihenfolge:
"Lass meine Hennen in Ruhe", sagte Knut, während er zur Mistgabel griff.
Hier ist die Erzählreihenfolge gestört, wenn auch nur leicht. "Während" deutet Gleichzeitigkeit an, aber das ist nicht das, was der Leser wahrnimmt: Er liest, dass Knut was sagt, dann erst liest er das mit der Mistgabel. Ergo ereignet es sich in seinem Kopfkino auch genau in der Reihenfolge. Das "während" ist nur störend. Noch schlimmer wäre das hier:
"Lass meine Hennen in Ruhe", sagte Knut, nachdem er zur Mistgabel griff.
Lösung: "Lass meine Hennen in Ruhe", sagte Knut und griff zur Mistgabel.
"Off-stage":
"Lass meine Hennen in Ruhe", sagte Knut, der den ganzen Tag schon schleche Laune gehabt hatte.
OK, hier ist der Murks offensichtlich. Vorgeschichte gehört NIE in eine Szene. Vorgeschichte hat sich per definitionem "off-stage" abgespielt. Knuts schlechte Laune muss also ersatzlos gestrichen werden. Wenn man geschickt ist, kann man sie in den Tonfall seiner Rede einweben, aber alles andere ist streng verboten in einer Szene.
Wie versaut man sich narratives Erzählen?
Es ist schwerer, Leser im narrativen Erzählmodus bei der Stange zu halten. Die Gefahr ist, langatmig zu werden, beispielsweise, indem man nicht genug rafft. Natürlich gibt es begründete Ausnahmen. Aber bei längeren narrativen Passagen sollte man sich bewusst sein, dass man gegen die durchschnittlichen Lesergewohnheiten anschreibt. Faustregel: Narrative Passagen sollten entweder kurz oder brillant sein. Am besten beides. 
Was hat szenisch und narrativ mit Show und Tell zu tun?
Nix. Man kann narrativ schreiben und trotzdem "showen" wie ein Gott; man kann szenisch schreiben und trotztem "tellen" wie ein Schwein.
Was bedeutet eigentlich "Show, don't tell"?
Leider gehen die Meinungen zu einem gewissen Grad auseinander. Eine Gemeinsamkeit scheint es aber doch zu geben: "Show" bedeutet, dass man dem Leser präsentiert, was sich ereignet, "Tell" bedeutet, dass man dem Leser die unmittelbare Information vorenthält und ihn stattdessen mit Schlussfolgerungen abspeist.
Knut war unglaublich gutaussehend. Wahnsinnig, wahnsinnig gutaussehend. Stell' dir einen Adonis vor, und es ist nur die halbe Wahrheit.
Der Schreiberling setzt mir hier sein Urteil über Knuts Aussehen vor, und ich soll mich dem anschließen, ohne die Fakten zu kennen? Das kennt nur eine Antwort: REBELLION! Nieder mit dem Terrorregime, für mich ist Knut von nun an ein bucklig Männlein.
Wie hingegen wäre es mit diesem Beispiel?
Knut glitzerte im Sonnenlicht.
"Oh nein!", sagte Henrietta. "Bitte setz das nächste Mal einen Sombrero auf. Scheiße, ist das peinlich!"
Wie könnte der Leser darauf reagieren? Das hängt davon ab, wie er zu glitzernden Kerlen steht. Wenn er sowas schön findet (und solche Leute soll es geben), dann findet er Knut gutaussehend und wird entscheiden, dass Henrietta eine Banausin ist. Wenn der Leser Glitzerkerle grottenhässlich findet, wird er hingegen für Henriettas Ansicht Verständnis haben.
Worüber aber hat sich besagter Leser keine Gedanken gemacht? Über den Autor des Beispiels, denn der hat sich mit Vorbedacht unsichtbar gemacht und den Leser nicht mit seinem Urteil belästigt. Die Fakten liegen auf dem Tisch, und der Leser zieht die Schlüsse.
"Show" und "Tell" sind also Qualitätskriterien, im Gegensatz zu "szenisch" und "narrativ". Soll heißen: "Szenisch" darf man, "narrativ" darf man, "show" darf man, aber "tell" sollte man sich verkneifen.
Durch jene hohle Phrase muss er kommen -- typische "Tell"-Fallen
ADJEKTIVE.
Du kannst nicht mit ihnen leben, aber auch nicht ohne sie. Es gibt sie in zwei Sorten, die einen sind beschreibend, die anderen sind wertend.
Wenn ich schreibe: "Der Stuhl ist rot", dann ist er rot und nichts anderes als rot, so wahr mir RAL helfe. "Rot" ist beschreibend.
Wenn ich schreibe: "Henrietta ist die schönste Henne überhaupt", wie sieht dann Henrietta aus? Na? NA? Gute Frage. "Schön" ist wertend, lässt beim Leser kein Bild entstehen.
Wie vermeidet man diese Falle?
Kochrezept A: Wertende Adjektive aufspüren und erbarmungslos ausmerzen.
Im Beispiel von Henrietta müsste man also schreiben, wie sie denn nun aussah. Das darf und soll durchaus emotional eingefärbt geschehen, von Objektivität war nie die Rede! Etwa so: "Das Weiß von Henriettas Federn strahlte heller als frisch gefallener Schnee." Oder wie auch immer. Da ist kein einziges wertendes Adjektiv mehr drin, und trotzdem riecht der Leser den Braten: Henrietta ist wohl nicht die Hässlichste.
Bei den beschreibenden Adjektiven gibt es wieder zwei Sorten: Spezifisch und unspezifisch.
Wie ist das mit dem roten Stuhl? OK, er ist rot. Der Leser wird nicht bevormundet, aber er ist auch nicht gerade hingerissen. "Rot" ist zwar beschreibend, aber unspezifisch. Ist der Stuhl blutrot? Karmesinrot? Ziegelrot? Rot wie ein Sonnenuntergang? Rot wie ein Ferrari? Rot wie ein Backfisch kurz vor dem ersten Sex? All diese Beschreibungen haben eine andere Konnotation und ordnen die Röte des Stuhls in einen emotionalen Kontext ein.
Wie vermeidet man diese Falle?
Kochrezept B: Unspezifische Adjektive aufspüren und durch spezifische Beschreibung ersetzen.
Und gleich hinterher:
Kochrezept C: Adjektive durch Handlung, Similes etc. ausdrücken, wenn ohne Verrenkungen möglich.
Wenn der Stuhl was tut, nämlich "leuchten wie ein Pavianhintern", dann ist das Adjektiv ganz und gar vermieden und kann keinen Schaden mehr anrichten. Es gibt natürlich auch unspezifische Verben und unspezifische Substantive. Also gilt allgemein:
SEI SPEZIFISCH.
Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Zum Beispiel hier:
Im verwunschenen Wald standen viele uralte Bäume.
Seht ihr den Wald? Seht ihr ihn? Also, mal ehrlich, ich nicht. Warum nicht? Weil "Baum" ein Abstraktum ist. Ich war schon in so manchem Wald, aber ich habe noch nie einen einzigen Baum gesehen. Da standen immer Tannen, Kiefern, Birken, Eichen. Aber niemals kein Baum nicht. Und was bitte ist "uralt"? Vom Standpunkt einer Eintagsfliege aus gesehen ungefähr zwei Wochen. Also noch einmal, und diesmal mit Gefühl:
Im verwunschenen Wald standen hundertjährige Tannen.
Besser? Ja, aber immer noch nicht gut. Womit vertreiben sich die Bäume die Zeit? Sie "stehen". Wie langweilig. Dabei könnten sie knarren, sich im Wind wiegen, Schatten werfen, nach dem Wanderer greifen, was auch immer, nur "stehen" nicht. Also:
Im verwunschenen Wald wiegten sich hundertjährige Tannen in einer Sommerbrise.
Uff. Beinahe hätte ich mich mit dem unspezifischen "Wind" blamiert. 
Wie vermeidet man diese Falle?
Kochrezept D: Oberbegriffe identifizieren und durch einen spezifischen Vertreter ersetzen.
Aus einem "Vogel" wird ein "Spatz". Aus einem "Auto" wird ein "VW Käfer". Aus einem "Buch" wird ein "Foliant".
ERKLÄRUNGEN.
Die Todsünde. Hier greift "Show, don't tell" zu kurz, es muss hier heißen: "Don't even show."
Knut griff in den Sack mit den Körnern, um Henrietta zu füttern.
Mäh! Warum sonst sollte Knut in den Sack mit den Körnern greifen? Wenn schon, dann bitte so:
Knut griff in den Sack mit den Körnern und fütterte Henrietta.
Oder das hier:
"Verdammte Scheiße!", brüllte Knut.
Bittebittebitte! Besteht auch nur der Hauch eines Zweifels, dass Knut seinen Satz "gebrüllt" hat? Warum muss man es dann noch in einem Nachsatz betonen? Raus damit!
Oder das hier:
Henrietta reckte ihren Schnabel hoch und präsentierte Knut ihr jüngstes Ei. "Güteklasse A. Was sagst du nun?" Sie war stolz, so unglaublich stolz.
Kann irgendein Leser verschwitzen, dass Henrietta vor Stolz platzt?
Erklärungen machen einen Text zäh und beleidigen den Intellekt des Lesers. Wenn man etwas findet, was nur im Entferntesten nach einer Erklärung aussieht, dann MUSS das raus. In den meisten Fällen kann es ersatzlos gestrichen werden.
Kochrezept E: Signalwörter identifizieren: "weil", "da", "denn", "um zu", ... Was dahinter steht, ist in 90% der Fälle eine Erklärung und muss raus.
Kochrezept F: Passagen identifizieren, die eine schon bekannte Tatsache wiederholen (kann auch aus dem Subtext bekannt sein!) und ersatzlos streichen.
Zu guter Letzt
Alle diese Kochrezepte und Regeln kennen begründete Ausnahmen. Zum Beispiel ist Dialog ein Sonderfall. Im Dialog etwa können wertende Adjektive ein wertvolles Mittel sein, um den Sprecher zu charakterisieren. Wenn man von einem Text mitgerissen wird, ist das Letzte, was man tun sollte, ihm das letzte Bisschen Seele auszutreiben, indem man mechanisch Regeln anwendet. Regeln sind gut, wenn man merkt, dass mit einem Text "irgendwas nicht stimmt". Und dann darf sich der Rotstift austoben.
Apropos Rotstift. All diese Hinweise sind für die Überarbeitung von Texten gedacht. Während des Schreibens besteht die Gefahr, sich einzuengen und zu blockieren, wenn man all das gleichzeitig zu beachten versucht. Also -- schreiben, was das Zeug hält, und erst nachher den inneren Lektor auf den Text loslassen.
Dann aber gründlich. 
Literatur
Wer diesen Sermon noch einmal aus berufenerem Munde hören will, sei zum Beispiel auf Sol Steins Werke, insbesondere auzf "Über das Schreiben" verwiesen. Auch das Blog vom "Vater der Schneeflocke" Randy Ingermansson ist sehr empfehlenswert, nicht nur in dieser Hinsicht (ist aber auf Englisch). Ihr findet es hier:
Kommentare
Danke für diese wertvolle Schnellübersicht ... und wieder habe ich das Gefühl, noch immer nicht alles zu wissen oder es zumindest nicht "richtig" anzuwenden.
Je mehr man über das Schreiben lernt, desto schwieriger wird es. Zumindest, bis es einem ins Blut übergeht.
Aus diesem Artikel habe ich viel gelernt. Ich kann Grubi nur recht geben, je mehr man über das Schreiben lernt, desto
schwieriger wird es.
Ich habe nach den Anregungen hier einige Szenen umgeschrieben.
Amina
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