Wie kritisiere ich Textauszüge?
Überspitzt ausgedrückte Faustregel: Eine Kritik sollte so geschrieben sein, dass der Kritisierte sie begründet ablehnen kann. Dazu wäre ein direkter Textbezug wichtig (die Zitatfunktion ist dafür waaaahnsinnig praktisch) und, falls möglich, eine Nennung der Grundlagen, auf denen die Kritik basiert. Da gibt es reichhaltige Möglichkeiten:
1. Lehrbuch, Kollegen etc. zitieren
2. Gründe für die Bewertung darlegen
3. Bauchgefühl als solches kennzeichnen
Beispiel:
Knut und Henrietta gingen in den Hühnerstall.
"Lehrbuch zitieren":
An diesem Satz solltest Du noch arbeiten. Knut ist Perspektivfigur, Du schreibst hier szenisch, also sollten die Aktionen von Knut und seiner Umwelt streng getrennt sein. (Das lehnt sich an die Motivations-Reaktions-Einheiten an, die D.V.Swain in seinem Buch "Techniques of the Selling Writer" schildert.)
[OK, diese Art von Kritik wird wohl eher selten vorkommen.]
"Gründe für die Bewertung darlegen":
Dieser Satz hat mich aus der Szene gerissen. Es handelt sich um narrative Zusammenfassung: Du zeigst nicht, was geschieht, sondern fasst es in dem Wort "gingen" zusammen. Das schwächt mein Leseerlebnis.
[Die Mehrzahl der Kritiken hier sind in dieser Art abgefasst.]
"Bauchgefühl kennzeichnen":
OK, ich kann jetzt nicht genau sagen warum, aber an der Stelle bin ich gestolpert.
[Das ist der Notanker, wenn man nicht analysieren kann, warum eine Stelle nicht funktioniert. Wenn es geht, sollte man das vermeiden, aber es ist besser als gar kein Textbezug.]
Probier's aus.
Wenn man sich dieser Disziplin unterwirft, lernt man auch selbst eine ganze Menge, während man fremde Texte analysiert. Man lernt, wie man auch an eigene Texte objektive Kriterien anlegt. Das ist unbezahlbar, wenn es ans Überarbeiten geht.
Und wenn man ganz viel Glück hat, teilt einem der Kritisierte mit, ob er die Kritik annimmt oder nicht, und begründet seine Entscheidung. Wenn ich eine Kritik einstelle, bin ich ähnlich aufgeregt wie beim Einstellen von Texten. 
- Verfasst von unserem Mitglied Quisille