Albmär

Der Traum
Er erwachte in Mitten von Leichen. Unzähliges namenloses totes Fleisch bedeckte die Welt bis zum Horizont. Nackt trieb er in einem Strom aus Blut und schrie. Die von Verwesungsgestank erfüllte Luft atmete er gegen Übelkeit kämpfend ein, bis er endlich gepackt und aus dem Leichenmeer und seinem Traum gerissen wurde.
Schweißgebadet und nach frischer Luft ringend wachte Tohm-Esip auf. Diesmal wie auch in all den anderen Vollmondnächten hatte er diesen immer wiederkehrenden Traum. Stets wachte er zwar auf, aber nicht ohne etwas aus dem Traum mitgenommen zu haben. Die Luft in seinen Lungen schmeckte nach Tod. Er würgte mehrmals und griff dabei nach einem Tuch, um sich das Blut von seinem Gesicht zu wischen, welches während des Schlafs aus seiner Nase gelaufen war. Langsam beruhigt er sich und bemerkte, dass er nicht alleine war. Neben seinem Bett saß im schwachen Mondlicht sein Ziehvater Liebgar. „Wieder hattest du deinen Traum“, sein Blick huschte besorgt und ängstlich über Tohm während sich ein leichtes Zittern in seine Stimme mischte. „Hast du deinen Reisesack gepackt wie ich es dir auftrug?“
Tohm nickte: „Ich habe mich auf einen langen Weg vorbereitet, Vater, aber bis zum Morgengrauen sind es wohl noch ein paar Stunden.“
„Wir müssen aufbrechen, sobald die ersten Sonnenstrahlen den Horizont berühren.
Zuvor jedoch muss ich dir etwas gestehen, denn ich weiß nicht ob ich diese Reise überstehe“, bevor Tohm etwas erwidern konnte fuhr Liebgar mit eindringlicher Stimme fort: „Es betrifft deinen Traum. Dein Traum ist näher an der Wirklichkeit als es üblich ist. Er ist luzide und ungewöhnlich stark. Es kommt vor, dass man luzide Träume willentlich beeinflussen kann, aber ich habe noch nie erfahren, dass ein luzider Traum die Realität beeinflussen kann.“ Liebgar stockte. „Ich habe dir nie verraten, wie ich dich fand.“
„Ich dachte eine Amme...“
„Gelogen. Die Wahrheit ist nichts für Kinder. Aber nun bist du alt genug: Es herrschte Krieg und ich war ein Medicus. Die letzte Schlacht hatte die Welt verwüstet und nur der Tod triumphierte. Die Menschlichen und die Feenländer hatten sich bekriegt, bis sie sich fast gegenseitig ausgerottet hatten. Im Angesicht des Elends und der Vernichtung beschlossen die Überlebenden einen Waffenstillstand der dank des Schreckens vor einer völligen Vernichtung bis heute anhält. Es war nach jener letzten Schlacht als ich auf den Feldern nach Überlebenden suchte. Und zwischen all den Toten fand ich dich als schreienden mutterlosen Säugling und ich nahm dich an mich. Zwischen den Toten sah ich keine Frau, aber vielleicht erkannte ich auch keine, da viele der Leichen bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt oder verbrannt waren. Wir brauchen nicht zu hoffen, dass deine Mutter oder dein Vater noch leben. Kaum ein Mensch hat den Krieg überlebt. Ich denke du verstehst, warum ich dir diese nicht erzählt habe als du kaum sprechen konntest.“
Tohm nickte langsam, sein Gesicht abwendend und es war nicht klar ob es bleich wegen des Mondlichtes wirkte.
„Das Grauen des Schlachtfeldes scheint sich in dein Bewusstsein gefressen zu haben und dich nun als Traum immer wieder heimzusuchen.“ Liebgar beugte sich vor: „Du darfst nicht zu lassen, dass dieses Grauen Besitz von dir ergreift.“ Tohm legte sich schweigend hin und wandte Liebgar den Rücken zu: „Danke, dass du mich gefunden hast.“
Reisende
Schweigen und Dunkelheit herrschte unter den Bäumen des alten Waldes. Es war als habe die Welt den Atem angehalten. Nur ihre Füße schmatzten auf dem morastigen Lehmboden. Sie waren den ganzen Tag marschiert, hatten bei Morgengrauen ihr Heimatdorf unbemerkt verlassen. Natürlich hatte er seinen Freunden eine Nachricht hinterlassen in denen er ihnen Lebewohl sagte, aber auf das Drängen Liebgars hin durfte er nicht erwähnen wohin sie unterwegs waren. Tohm hatte geglaubt sie würden Verwandte Liebgars besuchen, erst vor wenigen Stunden hatte Tohm erfahren wohin sie wirklich gingen: zur Arkanen Akademie. Scheinbar hatte der Zirkel von Tohms Fähigkeiten erfahren. Der Zirkel, der jede Veränderung im empfindlichen Netz der Magie spürte, musste seine Macht gespürt haben die mit jedem Training wuchs, dass er durch die Waisen seines Dorfes erfahren hatte. Tohm war stolz dass der Zirkel ihn gerufen hatte. Nur Wenigen war ein solcher Ruf vergönnt. „Liebgar, hast du noch den Brief, den der Zirkel dir schickte? Ich würde ihn gerne lesen?“
„Nein, ich habe ihn verbrannt. Der Zirkel wünschte es so, noch soll niemand von deiner Aufnahme erfahren.“
Tohm gefiel Liebgars Stimme nicht. In den letzten Stunden wirkte er sichtlich angespannter. Plötzlich blieb Liebgar stehen: „Wir rasten hier. Wenn es noch dunkler wird, werden wir bald nichts mehr sehen.“
„Ich werde nach Holz suchen und ein Feuer hervorbringen.“
„Nein!“ Liebgar blickte sich nervös um: „Es gibt Orte an denen ein Feuer Gefahren nicht abhält sondern anzieht.“
„Welche Gefahren vermutest du hier Liebgar? Ist hier Jemand?“
„Nein - noch nicht. Aber in diesem Wald lebten einst Feenländer - die Natur hier sehr alt und stark. Jedes Feuer bringt nicht nur Licht hervor sondern wirft auch Schatten. In diesem Wald könnte es lebende Schatten gebären.“
Tohm starrt in die Dunkelheit welche sich immer dichter um sie legte:„Was ist ein lebender Schatten?“
„Ein Schatten an einem magischen Ort wie diesen geboren, würde versuchen sich mit seinem Schöpfer zu verbinden und seine Seele mit Wahn erfüllen. Zumindest berichten das die Bücher des Zirkels.“
„Du kennst die Bücher des Zirkels?“
„Ja, ich habe ihm im Krieg als Medicus gedient“, Liebgar trat an Tohm heran. „Still nun! Setzen wir uns Rücken an Rücken und gewöhnen unsere Augen an die Dunkelheit. Nimm die Nacht in dich auf und du wirst zu genüge sehen können. Konzentriere dich nur auf deinen Atem und sei achtsam. Die Achtsamkeit wird uns genug Ruhe schenken neue Kraft zu sammeln und uns gleichzeitig vor Gefahren warnen.“
Die Stille beunruhigte Tohm. Aber er versuchte sie hinzunehmen. Ließ die Angst durch sich hindurchgleiten und schickte mit ihr all seine Gedanken aus seinem Geist, bis er er sich seiner Umgebung vollständig bewusst war. So wie er es jahrelang trainiert hatte konzentrierte er seine Aufmerksamkeit auf den Augenblick. Früher hatte er Stunden gebraucht um diesen Bewusstseinszustand zu erreichen, aber nun gelang es ihm in wenigen Augenblicken. Er spürte die Natur um sich herum: den Duft der Bäume, des modrigen Bodens und - noch etwas war dort in der Dunkelheit jenseits der unnatürlichen Stille.
Etwas lebendiges - und es kam auf sie zu. Tohm spürte seine immer deutlich werdende Präsenz ohne, dass er wirklich etwas in der Dunkelheit sah. Ein ferner Donner teilte die Stille so plötzlich, dass Tohm aus seiner Meditation gerissen wurde. Erschrocken sah er sich um. Liebgar verharrte immer noch konzentriert auf dem Boden. Ob er es auch gespürt hatte? Ein erneuter Donner nun etwas näher zerriss den Himmel und ein plötzlicher Regen ergoss sich auf den Wald. Tohm spannte sich an. Dann sah er riesige klauenförmige Fußabdrücke nur wenige Schritt entfernt. Er verfluchte sich, zu sehr hatte er sich während der Meditation ablenken lassen. Die Dunkelheit um ihn herum bewegte sich langsam und ein ekelerregender die Kehle zuschnürender Gestank weht zu ihnen hinüber. Plötzlich sah er sie, drei, fünf - acht Maniai - Rachegöttinen hatten sie umzingelt. Tohm hatte von ihrer atemberaubenden Schönheit gehört, doch diese hier waren alles andere als schön - wenn auch atemberaubend.
Er hätte sie fast kaum als Maniai erkannt, hätten sie nicht die klauenartigen Füße einer Harpie. Ihre Körper waren merkwürdig verdreht und entstellt. Geschwüre hatten sich über ihre einstige Schönheit gelegt und überhaupt wirkten sie mehr tot als lebendig. Statt lieblicher Gesichter grinst ihn Totenschädel an aus deren leeren Augenhöhlen Blut und Geifer rann. Die Feenkriege mussten diese einst erhabenen Geschöpfe so zugerichtet haben.
Unsterblichkeit konnte auch den ästhetischen Nachteil haben, dass man mit Entstellungen leben musste, an denen andere längst gestorben wären.
Ein Blitz zuckte und blendete Tohms an die Dunkelheit gewöhnte Augen. Mit einem Kreischen stürmten die Maniai begleitet vom Donnern des nahenden Gewitters auf sie ein. Doch mit einem dumpfen Stöhnen prallten sie gegen eine unsichtbare Wand. Liebgar hatte einen Verteidigungszauber gewirkt. Die Maniai schlugen gegen das magische Hinderniss. Dann hoben sie an zu einem Ohren betäubenden Geschrei. Sie wandten sich ganz Liebgar zu. Langsam kamen die Maniai näher. Sie hatten sich darauf geeinigt Liebgar zu erst zu zerfleischen und schoben die unsichtbare Wand immer weiter zurück. Das Geschrei störte Liebgars Konzentration und der Zauberbann zerbrach.
Tohm versank sich augenblicklich in die Natur. Er musste handeln. Er spürte die unheilige Präsenz der Rachegöttinen die sich lauernd um Liebgar formierte. Tohm spürte den Wald, er musste etwas finden, dass ihn als Waffe dienen konnte. Dann donnerte es erneut. Doch kein Blitz war dem Donner vorhergegangen. Tohms Augen glühten auf und Blitze zuckten aus ihnen heraus. Der Strom verbrannte die Rachegöttinen, das gleißend zuckende Licht sprang von einem untoten Körper auf den Nächsten. Bis nur noch Asche von ihnen übrigblieb und ihre Todesschreie durch den Wald hallten.
Erschöpft sank Tohm neben Liebgar nieder der immer noch regungslos auf dem Boden saß: „Du bist ein Narr.“ Tohm sah ihn irritiert an, dies waren nicht die Worte die er erwartet, wenn er Leben rettete. Liebgar wandte sich zu Tohm sah ihn durchdringen an und raubte ihm mit einem ton- und sprachlosen Wort der Macht das Bewusstsein. Dann konzentrierte Liebgar sich erneut auf den Wald und den jungen lebenden Schatten der nun vergebens das Bewusstsein suchte, welches ihn erschaffen hatte. Zumindest bis zum Morgengrauen würden sie sicher sein. Aber in der nächsten Nacht würde der lebende Schatten Tohm holen.
Der lebende Schatten
Unerträglich hämmerte der Schmerz in seinem Kopf. Sein Gehirn fühlte sich an, als sei es längst zu einem matschigen Klumpen degeneriert und die Sonne brütet am Himmel als wollte sie das Ödland um sie herum langsam auf kochen. Trotz der Hitze beschleunigte Liebgar immer wieder seinen Gang während Tohm Mühe hatte zu folgen. Seine Ohnmacht war nicht ohne Folgen von ihm gewichen: „Ist er noch hinter uns?“
Er war noch hinter Ihnen. Der lebende Schatten jagte sie. Vom Sonnenlicht geschwächt konnte er Tohm nicht ergreifen. Doch seine Stunde würde mit der Dämmerung kommen. Genau zu dieser Stunde erreichten sie ein kleines Dorf und Liebgar trieb seinen sich vor Schwäche kaum noch auf den Beinen haltenden Schützling in einen kleinen Tempel. Dem Tempeldiener wies er an soviel Kerzen in die kleinen Sakrestei des Tempels zu bringen wie er finden konnte. Zusammen schleppten sie die großen Feuerbecken aus der Vorhalle in die enge Sakrestei und entzündeten sie. Als die Sonne den Horizont berührte war der kleine fensterlose Raum so weit ausgeleuchtet, dass kein einziger Schatten mehr ihn ihm war. Stöhnend sank Tohm nieder und blickte fragend zu seinem Ziehvater auf.
„Der Schatten kann nur zu dir kommen, wenn zu wenig Licht um dich ist.“ Liebgar schloss die Tür und sie horchten. Schnaufende Pferde, quiekende Schweine, blökende Ziegen, bellende Hunde, ein Schmiedehammer, knarrende Türen, plärrende Kinder, schimpfende Mütter, stöhnende Väter. Geräusche wie man sie erwartete. Landidylle vor dem Abendessen. Tohms Atem beruhigte sich wieder. Aber Liebgars Anspannung fiel nicht von ihm ab.
„Ich spüre ihn. Er wartet, lauert, wächst. Wir werden ihn nicht aufhalten könne. Aber vielleicht gewinnen wir noch diese Nacht für uns.“ Tohm suchte Liebgars Blick, seine alten Augen beruhigten, seine Strenge stärkte ihn. Schrille Schreie trennten ihren Blick. Liebgar vesenkte sich augenblicklich in die Welt. Tohm versuchte seinem Geist zu folgen, doch es gelang ihm nicht sich zu konzentrieren. Die Anstrengung und die Angst waren viel zu groß. Liebgar öffnete seine Augen und Schrecken sprach aus ihnen: „Er treibt die Kinder des Dorfes in den Wahn. Sie können den Schatten sehen und so kann er in ihren Geist. Die Kinder - sie - versuchen sich gegenseitig umzubringen.“ Liebgars Augen starrten in die Leere und zuckten hin und her, als blickten sie durch die Tempelmauern hindurch.
Die Erwachsenen des Dorfes versuchten ihre Kinder festzuhalten, verstanden nicht was geschah - sie konnten den Schatten nicht sehen. Doch von unnatürlichen Kräften beseelt bissen, kratzten, schlugen die Kinder und wenn sie kein anderes zu fassen bekamen, so wandten sie die vom Schatten entfesselte Gewalt gegen sich selbst. „Er versucht dich zu erpressen.“ Verzweifelt zog Liebgar seinen Geist zurück und blickte seinen Schüler an: „Er wird die Kinder in den Wahn treiben, bis sie sich selbst umgebracht haben, wird nicht aufhören ehe er deiner habhaft geworden ist.“
Die Schreie der Kinder und ihrer Eltern hoben an und Tohm stand auf - wissend, dass es nur einen Ausweg gab: „Was wird geschehen, wenn er in mir ist?“
„Das kann ich dir nicht sagen. Vielleicht können wir ihn beherrschen, bis wir in der Akademie sind. Vielleicht wird er von dir Besitz ergreifen, dich töten oder benutzen. Niemand kennt die Absichten des Schattens.“
„Liebgar schwöre, dass du mich tötest, wenn ich ihn nicht zu beherrschen vermag!“
Liebgar nickte und Tohm löschte die Feuer in der Sakrestei. Die Schreie verstummten augenblicklich. Stille kam in den kleinen Raum. Die Tür bewegte sich nicht, doch mit der Stille drang etwas Fremdes ein. Tohm suchte seines Lehrers Blick. Dann zuckten seine Augen nach hinten und langsam, als wäre er von Wasser umgeben sank er in Liebgars Arme. Seine Geist trieb auf einem Meer aus Stille aus seinem Bewusstsein fort.
Verwandlung
Unruhig flackernd sog das Feuer Tohms verschwommenen Blick in sich auf. Seine Seele begehrte das Licht, wollte aus der Dunkelheit fliehen die Tohm in sich spürte - doch diese - in ihm - widersetzte sich. Ein eisiger Stich in seiner Brust ließ ihn zusammenfahren, sich krümmen und vom Feuer wegsehen. Erst als er seinen Blick an den Sternenhimmel haftete ließ der Schmerz nach. Der Himmel ist keine Höhe sonder ein Abgrund. Im freien Fall ging es hinauf. Die Zeit blieb zurück. Gedanken rauschten durch den ewig stillen Raum. Leere erfüllte ihn, Erwachen und Bewußtlosigkeit verschmolzen. Die Stille der Unendlichkeit war stärke als sein Schrei.
Kommentare
Hi Venares,
kleine Statusmeldung: Ich nehme mir deinen Text morgen oder übermorgen vor. Dann bekommst du eine vollständige Kritik. Wollte dir nur kurz Bescheid geben.
Kritik ist fertig, muss nur noch formatiert werden. Morgen wird sie upgeloaded.
großartig - bin gespannt:
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