Deserteur (Prolog)

Es ist jetzt... beinahe Halb Acht. Bevor ich mich in den freudigen Spaß harter Arbeit stürze, möchte ich meinen ersten Text in der Charta veröffentlichen: Den Prolog meines Manuskripts Deserteur.
Der Text liegt schon seit einiger Zeit in einem Unter - Unterordner meines Computers herum und wurde mit fast paranoider Intensität bearbeitet, umgeschrieben, gelöscht und wieder neu geschrieben. Also bitte fleddert ihn in bester Da Vinci Manier, er ist es gewohnt! Oh und wenn ihr schon mal dabei seid, bitte teilt mir doch mit, wie euer erster Eindruck von Kenneth ist, ja?
Inmitten der kleinen Lichtung lag der Leichnam einer Frau.
Keine Unregelmäßigkeit in Gegenden wie diesen, denn den tückischen Wäldern Daars fielen tagtäglich unvorsichtige Jäger, glücklose Abenteurer oder verirrte Reisende zum Opfer. Was diesen Leichnam so besonders machte, war die verräterische Körperhaltung, die jeden umsichtig Herannahenden in Alarmbereitschaft versetzen musste.
Sie lag auf den Rücken, die Wirbelsäule krumm gebogen und im Moment des letzten Atemzugs erstarrt. Die Silberrüstung, dessen Brustteil sich mit einem aufbäumenden Bären schmückte, zeichnete die Frau als Ritterin aus - eine ehrbare Position. Der Glanz dieses Schmiedekunstwerks wurde allerdings durch ein schwarzes, zähflüssiges Sekret gemindert, welches wie frischer Teer an den perfekt zusammengesetzten Platten haftete. Der dazugehörige Schild, aus feinsten Edelmetallen hergestellt, wurde der Ritterin scheinbar aus der Hand geschleudert und wies vier tiefgeschlagene Kerben auf. Ihre Augen starrten vonß Schock geweitet gen Himmelszelt. Weit gespreizte Finger verharrten eingefroren über einen aufgerissenen Mund, an dessen Winkeln getrocknetes Blut klebte. Diese Leiche war von unbeschreiblichen Terror gezeichnet.
Einige Meter entfernt, zwischen zwei dickastigen Fichten kauernd, sah sich Kenneth bereits auf ausschweifenden Bällen tanzen und feinsten Fusel saufen. Weniger Wohlwollende hätten den Mann „Plünderer“ oder Schlimmeres geschimpft. Aber wie bestahl man eigentlich Tote? Darüber konnte er lediglich lachen.
Sein Blick schweifte erneut über die Baumlose Fläche. „Laufen, suchen und wieder laufen. Ganz einfach“. Der Klang seiner eigenen Stimme gab Selbstvertrauen. Es war bei Weitem nicht das Erste Mal, das Kenneth auf derartige Methoden zurückgriff um seinen wahrlich mageren Lohn als Landbesteller aufzustocken. Jedoch war es zu jeder Zeit möglich, der Todesursache seiner „lukrativen Leiche“ persönlich zu begegnen. Schwitzende Hände strichen fettige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Jetzt galt nur noch schnelles Handeln. In Gedanken wurde herunter gezählt.
„Drei... zwei... eins!“
Mit überraschender Agilität huschte der Kerl über die Lichtung und erreichte Pfeilschnell sein Ziel. Gierige Finger strichen über das schwarze Zeug, dass die schöne Rüstung leider unbrauchbar machte.
Zum Glück hatte er an die Handschuhe gedacht!
Flüchtig wurde das attraktive, aber von Angst entstellte Gesicht der Toten observiert. Kenneths gesunder Menschenverstand - und davon besaß er nicht viel - fragte sich insgeheim, was eine Person diesen Standes, eine verdammte Ritterin derartig in Panik versetzen konnte. Doch jetzt war nicht die richtige Zeit, um über unnütze Details zu sinnieren. Flinke Hände suchten nach Beutelchen oder Taschen, die Vorzugsweise auf Taillenhöhe getragen wurden. Ein weites Grinsen blitzte über Kenneths trockene Lippen, als er ein raues Ledersäckchen erfühlte. Es musste gut gefüllt sein. Der dilettantisch gebundene Knoten wich innerhalb von Sekunden seinem Geschick.
„Heute ist dein Glückstag...“.
Erwartungsvoll griff der „Plünderer“ nach Gold, Schmuck oder seltenen Artefakten - und holte ein Stückchen Kohle hervor. Enttäuscht beobachtete er, wie beim vollständigen ausschütten weitere Stücke auf seinen Schoß kullerten. So ein Pech. Aber der erste Versuch brachte nur selten Glück. Fund Nummer zwei, eine Feldtasche, dessen dicker Webstoff mit dem königlichen Bärenwappen bestickt war, schien da weitaus interessanter zu sein. Die Lederlaschen wurde zügig nach oben geklappt und der Inhalt überprüft. Kenneths optimistisches Lächeln versteinerte zu einer flachen Linie, als Umengen von schwarzer Asche eifrig im Winde der Dämmerung davon wehten. Er stieß bereits auf viele kuriose Dinge, die Menschen mit sich herum trugen und die Box voller Springspinnen von letzter Woche zählte definitiv dazu... aber Mitglieder der Königlichen Garde wurden nicht einfach entsandt, um Kohle durch gefährliche Gebiete zu schleppen. Den einzigen Trost bot der achtlos beiseite geworfene Schild, der zwar stark mitgenommen, aber durchaus zum einschmelzen geeignet war. Kenneth blickte in seine polierte Oberfläche und sah neben seiner eigenen Reflexion die der Ritterin in einem verschwommenen Schimmer. Ignorierte man großzügig das verkrustete Blut, war dem wundervollen Antlitz kaum zu widerstehen. Volle Kusslippen, feine Nase, bleiche Haut und tiefdunkle Augen, die direkt in seine Richtung schauten.
„Moment mal...“
Der „Leichenschänder“ ließ von seiner Beute ab und drehte sich erneut zu den Sterblichen Überresten. Bruchteile von Sekunden verstrichen, ehe Kenneth verdutzt zurückschreckte. Die tiefdunklen Augen folgten unentwegt seinen Bewegungen. Gurgelnde Laute, die aus dem tiefsten Inneren stammen mussten, entwichen der kürzlich Auferstandenen Ritterin und ließen augenblicklich das Blut in seinen Adern gefrieren. Unterschiedlichste Erfahrungen in diesem „Berufsfeld“ verleiteten Kenneth dazu, stets das Unerwartete zu erwarten, aber auf spontane Reinkarnation war er absolut nicht vorbereitet. Sie wusste sofort, dass er noch da war. Sie starrte ihn an - ein stummes Flehen, nicht einfach fort zu gehen. Sie versuchte die Arme zu bewegen, ein vergeblicher Akt, brachte sie doch lediglich ihre schlanken Finger zum beben. Kenneths verwirrter Verstand überdachte gründlich sämtliche Möglichkeiten und kam letztendlich zum Entschluss. Schweigend band er sich den Schild mit dünnen Hanfseilen um seinen Rücken. Vielleicht war es grausam und unmoralisch eine wehrlose Frau den Wölfen vorzuwerfen und der Allvater mochte ihm vergeben - aber jeder war sich selbst der Nächste. Und diese Regel galt besonders in schweren Zeiten. Er machte sich bereit, ungesehen zwischen den Fichten zu verschwinden. Die unangenehmen Laute der Ritterin hatten eventuell Tiere oder schlimmere Waldbewohner aufgeschreckt, also blieb keine Zeit mehr für Überlegungen. Der angesetzte Sprint wurde kurzerhand von einem Hindernis gestoppt, dass Kenneths Gleichgewicht mit der Schwerkraft bekannt machte. Verärgert musterte der „Plünderer“ den Verursacher des unrühmlichen Falls. Ein Brocken Sedimentgestein. Die Obsession für Kohle, die die Ritterin übrig zu haben schien war ebenso eigentümlich wie die Linie, die sich am Grund abzeichnete. Kenneth erkannte ihn erst jetzt, ein in der Dämmerung schlecht zu sehender, pechschwarzer Kreis, der im weitläufigen Radius um die arme Frau verlief. Die Augenbrauen des Landbestellers schossen fragend nach oben. Direkt auf der pulverigen Oberfläche des Rings waren mit einer Dolchspitze oder ähnlichem filigrane Symbole eingezeichnet. Sie waren Kenneth nicht fremd:
Kauzige, Roben tragende Gestalten kauften den Händlern diverser Schwarzmärkte nur zu gerne ähnlich beschriftete Dokumente ab, die in jedem Buchladen Valais auf den Index standen.
Kenneth erhob sich von allen Vieren und schielte ins Unterholz. Der üppige Bewuchs unterhalb der Baumkronen wiegte leicht mit der aufkommenden Brise. Das langsame hin und her der grünlichen Sträucher und Büsche besaß wahrlich hypnotische Qualitäten. Kenneth überkam eine Müdigkeit, die er zuerst nur schwerlich wahrnahm. Arme und Beine wogen das doppelte und Augenlider fielen auf Halbmast. Der „Plünderer“ fuhr mit der flachen Hand über sein Gesicht, als wolle er die plötzliche Erschöpfung einfach wegreiben. Schlapp machen stand im Moment außer Frage. Ein grelles Leuchten brachte seinen Verstand endgültig zurück in die Wachphase. Die Symbole. Sie glühten in einem unnatürlich kalten Blau, hell genug, um Kenneths Schatten auf den Boden zu werfen. Das Gefühl, in etwas Folgenreiches gestolpert zu sein, verwandelte sich in einen schwer zu schluckenden Klumpen. Er sah erneut in die gequälten Augen der Ritterin. „Was in aller Welt hast du getan, Weib?“ Als würde gerade er eine Antwort erhalten. Die Frau wollte wohl tatsächlich sprechen, spie aber stattdessen nur ein Gemisch aus Speichel und Blut hervor. Wer weiß, vielleicht war es aber auch ihre Absicht.
Du bist blauäugig in eine Falle getappt. Eine für seine Verhältnisse reichlich späte Erkenntnis. Egal, welch dunkle Macht sich in dieser kleinen Lichtung entfesselte - er würde längst über alle Berge sein, bevor sie ihn einholte. Wahrscheinlich drehte Kenneth seinen Kopf zu schnell zur Seite, denn die soeben abgeschüttelte Müdigkeit beherrschte gepaart mit gehörigem Schwindel erneut seinen Körper. Der Landbesteller versuchte einen Punkt zwischen den Bäumen zu finden. Doch wo waren die Bäume? Wie bei einer eintretenden Augenschwäche vermischten sich die grau-grünen Facetten des Waldes zu einem undurchdringlichen Farbstrudel. Ein Schrei erschütterte die Lichtung. Er klang wie nichts, was Kenneth jemals zu Ohren bekam: Guttural und bestialisch wie ein kämpfendes Tier, Klagend und herzzerreißend wie ein sterbendes Kind. Von Panik ergriffen wirbelte er herum - die Ritterin war verschwunden. Orientierungs- und Haltlos stürzte der Landbesteller auf nasses Laub. Keine mit Kräuterschnaps durchzechte Nacht kam an die Übelkeit heran, die er nun spürte. Brodelnde Galle schoss schubweise seine Kehle nach oben und stand kurz vor dem Überlaufen. Vielleicht - oder Höchstwahrscheinlich - war es nur pure Einbildung, aber die unzähligen Farbkleckse nahmen langsam Form an. Grau, grün und braun verwandelten sich in tiefgründiges Schwarz, welches den Wald beinahe verschluckte. Es umschloss ihn wie einen Käfig. Eine gewaltige Wucht drückte Kenneths Schultern flach auf den Grund und presste Sauerstoff aus seinen Lungen. Bei näherer Betrachtung erkannte er mit Entsetzten zwei riesige Pranken, die ihn ohne Mühe fixierten. Aus den Schatten heraus entwickelte sich eine erfassbare Gestalt. Mit dichtem Fell bedeckte Vorderbeine führten zu einem massigen Oberkörper, der weit über Kenneth thronte. Der ekelhafte Geruch verwesenden Fleisches förderte die Übelkeit des Landbestellers. Eine mit messerscharfen Zähnen besetzte Schnauze schwebte halb geöffnet Zentimeter entfernt vor seiner Nase. Aus dem breiten Kreuz der Vierbeinigen Kreatur schossen rote, nach innen gebogene Stacheln, die in allen erdenklichen Winkeln abstanden. Für einen Moment fühlte sich Kenneth an einen Bär erinnert - einen dämonischen, von der Dunkelheit verdorbenen Bären.
Er dachte an feucht fröhliche Nächte, verbracht in fragwürdigen Absteigen vor großen Mengen interessierter Zuschauer. In solchen Nächten hüpfte er betrunken von Tisch zu Tisch und gab heroische Geschichten über die eigenhändige Niederstreckung höllischer Ausgeburten zum Besten. Wenn sein Publikum ihn jetzt sehen könnte, ließen sie mit Sicherheit vor Lachen die Bierkrüge fallen.
Dort! Seht, wie Kenneth der Drachentöter von diesem Monstrum gefressen wird. Nichts kann ihn aufhalten!
Übel riechender Atem strich über seine Wange. Sekunden zogen sich wie Minuten. Würde es zuerst in die Kehle beißen?
Hoffentlich.
Er kniff seine Augen zusammen.
„Mensch...“
Was war das?
„M-... Mensch...“
Die Angst gab der unbändigen Neugier nach und Kenneth wagte es, seine Lider erneut zu öffnen. Er starrte in die gelblichen Augen des Bärendämons, die sich praktisch in seine Seele brannten. Aus der feuchten Nase der Kreatur pafften kleine Atemwolken, die in der Kälte verdampften. Ein fremdes Gefühl überkam den „Plünderer“. Es kitzelte über seine Haut, entspannte seine Widerstand leistenden Muskeln, betäubte seine Sinne. Der Tierdämon verharrte in seiner Position, bewegte sein breites Maul kein einziges Mal - und doch hörte er ihn sprechen. Seine Worte waren fremd, in einer anderen Sprache gesprochen, aber er verstand jedes einzelne. Befürchtungen und Gedanken wurden von einem schwarzen Loch verschlungen und durch Erfahrungen ersetzt, die nicht seine eigenen waren. Kenneth wusste nicht, ob ihn diese Wendung erfreuen oder entsetzen sollte.
Kommentare
Hi Patroner,
also meine Neugier hast du geweckt.
Was mir jedoch auffiel, ist, dass der Text am Anfang einige Längen hat und ruhig gekürzt werden könnte.
Und bei Kenneth ist es so, dass ich nicht wirklich mit ihm mittfühlen kann, obwohl ich die Szene ja mit ihm als Prota erlebe. Das kann durchaus an den wertenden Einschüben durch einen Erzähler liegt. Vielleicht solltest du versuchen Kenneth mehr über seine Handlung.
Soweit mein erster Eindruck. Ich hoffe, es hilft dir weiter.
LG, Hraban
Hallo Patroner,
mich hast du auch in soweit, dass ich weiter lesen wollen würde.
Dennoch weist dein Text für meinen Lesegeschmack hier und da noch die eine oder andere Schwäche auf:
Gerade zu Beginn beschreibst du das Bild sehr genau und trotz dieser Genauigkeit will es sich bei mir nicht einstellen. Sie bleibt die Frau mit Silberrüstung, tot. Alle anderen Details lese ich zwar, aber sie wollen sich bei mir nicht wirklich im Kopf verankern, weil es mir einfach zu viel ist.
Worüber ich immer wieder gestolpert bin, ist der Plünderer in Anführungsstrichen. In diesen Momenten, wo Kenneth den Leichnam auf etwaige Schätze untersuchen will ist er ein Plünderer und meiner Meinung nach gehören die Anführungsstriche weg.
Ich würd vielleicht auch noch ganz in Mark Twain Manier mit einem Gewehr über deinen Text gehen und das eine oder andere Adjektiv zu einer Leiche machen
Was Kenneth selbst betrifft, bleibt es durch die Erzählung und durch die Distanz ein wenig schwammig. Wirklich klar vor Augen habe ich ihn noch nicht und ich kann so viel noch gar nicht zu ihm sagen. Er ist mir zu diesem Zeitpunkt weder sympathisch noch unsympathisch, weil ich ihn zu wenig kenne, er selbst wenig handelt und mehr behauptet wird, du sogar hier und da ins Passiv rutscht (Bsp.: "In Gedanken wurde herunter gezählt.")
Ich hoffe mein erster Eindruck hilft dir ein wenig. Ansonsten gilt: Nimm was gefällt, streich den Rest
LG
Whis
Ähm, darf ich meinen Dank überhaupt in der Kommentar Sektion kund tun?
Egal! Vielen Dank für eure aufschlussreichen Kommentare und Fleddereien zu Deserteur
Endlich mal Kritik, die sich als nützlich erweist.
Natürlich darfst du da reinschreiben.
Und egal ob eine Kritik für dich hilfreich war oder nicht, ist eine Rückmeldung erwünscht und fair.
Du hattest ja vorher auch schon die ein oder andere Antwort.
LG
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