Eis
Kurzgeschichte, veröffentlicht in der Anthologie Angst! im August 2010.
Das Ganze hatte schon einige Zeit früher begonnen, aber niemand hatte es bemerkt. Die Wenigen, denen etwas aufgefal-len sein mochte, hatten ihre Beobachtung mit einem Achselzu-cken als Kuriosität, physikalisches Phänomen oder Taschen-spielertrick abgehakt. Es war nichts, worüber man mitten im heißen Sommer lange nachdenkt, während man am Strand liegt oder im Wald spazieren geht, auf der Autobahn fährt oder ent-spannt mit Freunden im Biergarten sitzt. Es lag einfach außer-halb des Vorstellungsvermögens aller und war so absurd, dass sich die Medien zwei Tage lang mit sensationellen Bildern, Reportagen vor Ort und den verrücktesten Mutmaßungen des öffentlichen Interesses sicher sein durften, als der Anfang vom Ende wirklich begann.
Es waren die zwei Tage, an denen sich die Wolken über ganz Europa über Nacht in Eis verwandelt und die Welt unter sich begraben hatten. Im Nachhinein betrachtet, waren die Mitglie-der meines Teams wahrscheinlich die einzigen Menschen, die bereits wussten, was noch geschehen würde.
Den ersten seltsamen Rundfunkmeldungen aus Osteuropa folgten bald bewegte Bilder und offenbarten im Lauf der nächsten Stunden Ungeheuerliches, während der Prozess sich stetig weiter nach Westen verschob und den grausamen Tod über das Land streute. Gegen sechs Uhr morgens zeigte ein Kamerateam in Moskau den einstürzenden Kreml, dessen Sil-houette man nur noch ahnen konnte, weil er völlig unter einem schimmernden Eispanzer verborgen war, auf den immer noch armlange Eiszapfen prasselten, die aus einer tief hängenden Wolke taumelten wie blasse Jungfische aus dem Schaumnest eines Labyrinthfisches. Wenn sie auf den Boden auftrafen, zersplitterten sie wie zerbrechendes Glas, ein Geräusch, das bald alles andere übertönte. Hinter der Kamera waren Schreie zu hören, gleich darauf flimmerte das Bild und fiel nach weni-gen Sekunden ganz aus.
In Budapest zeigten die Bilder die Donau, auf der sich das Eis meterhoch auftürmte und einen Frachter wie ein Streichholz auseinanderbrach. Die schwarze Kohle, die aus seinem Bauch kullerte, sah einige Sekunden aus wie tiefbrauner Zucker, wenn sich das Eis darauf legte und sie letztendlich in schmutzige Kristalle verwandelte.
Aus Warschau kamen keine Sendungen. Weder im Radio noch im Fernsehen wurde darüber berichtet. Erst später wurde klar, dass dort niemand mehr lebte, um etwas erzählen zu kön-nen. Die alten Gasleitungen waren daran schuld: Zu dicht unter der Oberfläche verlegt, wurden sie aufgrund des Kälteschocks undicht. Die Feuersbrunst musste wie Dantes Inferno innerhalb weniger Minuten die Stadt dem Erdboden gleichgemacht haben.
Anders in Berlin: Dutzende von Livesendungen präsentierten lachende und verwundert auf das Naturwunder blickende Kin-der, die das Eis willkommen hießen, das in streichholzgroßen Zäpfchen zu Boden fiel und sich dort zu einem spiegelnden Panzer zusammenschloss, auf dem die Kinder und Jugendlichen begeistert schlitterten und Eishockey spielten. So lange, bis die großen Zapfen einschlugen. Autodächer wurden ebenso mühe-los durchbohrt wie die Körper der vielen Menschen, die sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnten.
Das Eis nahm die Farbe der Getöteten an, färbte sich blutrot und die Kameras schwenkten zur Seite, wurden blind und eine Zeit lang hörten fassungslose Zuschauer nur die monotonen Geräusche des um sich greifenden, kalten Todes.
Dann war es totenstill. Wir wechselten stumme Blicke unter-einander, niemand sagte ein Wort. Nur Andrew, der direkt vor dem Fernsehgerät saß, murmelte ein lautloses „Shit!” in sich hinein und nahm einen tiefen Schluck aus seiner Bourbonfla-sche.
Als die Katastrophe wenig später England und Schottland heimsuchte, schmolz in Moskau der Eispanzer wieder. So rasch, wie es gekommen war, verflüssigte sich das Eis und gab die verstümmelten Leichen und Schutthaufen frei. Gegen Mittag hatte sich das Leben dort, wie später in allen anderen Ländern, annähernd so weit normalisiert, dass die Überlebenden mit den notwendigen Aufräumarbeiten beginnen konnte. Der Himmel wurde tiefblau und spannte sich über die ganze nördliche Hemi-sphäre, die im gleißenden Sonnenschein lag und das Wasser rasch verdunsten ließ. Die Temperatur erreichte schnell wieder sommerliche Werte, der Spuk war vorbei, ausgeträumt und vergessen, wären nicht überall die Spuren davon sichtbar. Nicht imaginär wie Kopfschmerzen nach einer durchzechten Nacht, sondern grausam real wie die Toten, über die niemand hinweg-sehen konnte, weil sich deren Anblick ins Gedächtnis brannte wie Säure.
„Eine äußerst seltene Klima-Anomalie, hervorgerufen durch erhöhte Sonnenfleckentätigkeit”, vermuteten einige führende Meteorologen in beruhigendem Tonfall.
„Daran ist die Umweltverschmutzung schuld!”, hielten ande-re dagegen.
Jeder fühlte sich kompetent genug, das einmalige Ereignis zu erklären.
Wortlos holte Andrew eine zweite Flasche und ließ sie um-herkreisen. Wir starrten auf die Monitore, hörten sich über-schlagende Stimmen und tranken schweigend. Selbst Julie re-dete kein Wort und das allein war schon bemerkenswert. Ir-gendwann drehte ich mich zu ihr um. Sie erwiderte mein Lä-cheln, aber die Tränen in ihren Augen, das zerknüllte Taschen-tuch in ihrer verkrampften Hand und ihr versteifter Körper ver-rieten, dass sie kurz vor dem Zusammenbruch stand. Ich nahm Andrew die Flasche aus der Hand, zog ihn hoch und führte ihn zu Julie und beide zusammen in ihre Kabine. Dann kehrte ich zurück, schaltete alle Geräte und das Licht aus und trank im Dunkeln alleine weiter. Der Whiskey brannte in meiner Kehle, die Bilder in meinem Kopf. Irgendwann schlief ich in meinem Stuhl ein, um erst am nächsten Mittag wieder aufzuwachen.
Dann kam die nächste Nacht und wieder versank alles im meterhohen Eis. Nur machte das Phänomen diesmal nicht über der Nordsee Halt, sondern zog, gleichsam verbündet mit der Nacht, um den ganzen Planeten. Die gesendeten Bilder zeigten einen glitzernden Eisplaneten, der Gebäude, Brücken, Wälder und Wiesen in ein kaltes Leichentuch hüllte. Dieses Mal waren die Schäden noch gigantischer und erreichten eine Größenord-nung in Höhe der Zahl des Tiers, jene mystische 666 aus der Apokalypse, wie ein bekannter Sektensprecher vor dem einge-stürzten, in dichten Rauch gehüllten Pentagon mit theatralisch ausgebreiteten Armen in die Mikrofone brüllte, während hek-tisch durcheinanderlaufende Feuerwehrkräfte hinter ihm be-müht waren, den Brand unter Kontrolle zu bekommen.
„Das ist die Apokalypse!”, brüllte der Prediger unbeeindruckt davon weiter. „Seht ihr die Zeichen Gottes? Geht in euch, bevor ihr ...”
Eine behandschuhte Hand riss ihn vom Mikrofon und der Kamera weg, die weiterhin unbeeindruckt das Chaos einfing und die Bilder zu denen sendete, die sie noch erreichen konnte. Das weltweite Entsetzen steigerte sich in Hysterie, als bekannt wurde, dass selbst alle Flüsse und Meere gefroren waren - et-was, das es noch nie gegeben hatte -, die nur auf der Nordhälfte des Planeten langsam wieder auftauten und Milliarden von aufgeplatzten Wasserbewohnern freigaben, deren faulende Kadaver hin und her schaukelnd an der Wasseroberfläche trie-ben. Südlich des Äquators dauerte das Ganze einige Stunden länger, aber alles jenseits des 60. Breitengrads verblieb unter meterhohem Eis begraben.
Julie saß, dicht an Andrew geschmiegt, vor den Monitoren und rauchte eine Zigarette nach der andern. Andrew verzichtete darauf, mir von seinem Whiskey anzubieten. Ich begnügte mich mit kalifornischem Rotwein. Er schmeckte süß und herb zugleich; trug alle Facetten der Reife in sich, die ich mir wün-schen konnte, und besaß ein Bukett, das nachwirkte wie Erinne-rungen an einmalige Ereignisse im Leben eines jeden Men-schen: Geburt, erste Liebe, zweite Liebe, Alter, Tod.
Als ich später erwachte, stand die letzte Flasche noch auf dem Tisch. Sie war leer. Ich erhob mich und blickte nach drau-ßen, immer noch benebelt vom Alkohol und beseelt vom Ge-danken, alles nur geträumt zu haben. Die Monitore, die nur noch weißes, statisches Rauschen zeigten, belehrten mich eines Besseren. Es zeigte eine nach wie vor funktionierende Technik an, hinter der jedoch niemand mehr saß oder stand, um sie zu bedienen.
Und über all dem Unvorstellbaren wölbte sich ein blauer, wolkenloser Himmel und färbte das Licht der Sonne in ein fahles Violett. Mit dem Eis schmolzen auch die weltweit geord-neten Strukturen der Gesellschaft. Der Mob rottete sich in den Städten zusammen, um zu plündern, was niemandem mehr gehörte. Militär und Polizei lösten sich innerhalb von Stunden auf. Regierungen flohen im Kollektiv vor heranstürmenden Horden, die sie für das verantwortlich machten, was über sie hereingebrochen war wie der Zorn eines längst vergessenen Gottes. Am Abend dieses zweiten Tages gab es nur noch weni-ge Rundfunkanstalten und Fernsehsender, die ein mehr oder weniger konfuses Programm ausstrahlten, moderiert von ratlos in die Kamera starrenden Menschen, durchwebt mit Durchhal-teparolen und Werbespots für Produkte, die keine Käufer mehr finden würden. Die meisten Telefonnetze waren tot, genauso tot wie drei weitere Milliarden namenloser Menschen weltweit. Das Leben hatte in seiner vertrauten Form aufgehört zu existie-ren. Die Anarchie, der Kampf ums Überleben, wurde zum Mit-telpunkt der noch Lebenden. Die Geschichte der Menschheit war zu Ende, bevor sie sich richtig entwickeln konnte.
Andrew, Julie und ich wussten, dass die Geschichte noch lange nicht zu Ende war. Der Sekundenzeiger der Zeit tickte unerbittlich weiter. Andrew wollte nicht länger warten. Einen Tag, nachdem die Stromversorgung zusammengebrochen war, erstach er Julie. Wahrscheinlich bettelte sie sogar darum. Sie lag mit einem lächelnden Gesichtsausdruck in einer Blutlache neben dem Stuhl, über dem er selbst hing.
Mein Blick glitt langsam an ihm hoch. Sein ganzer Körper war in Eis gehüllt, ebenso der Strick, der in einer bläulich schimmernden Eisdecke verschwand. Erstaunt bemerkte ich, dass mich keinerlei Angst überkam, als sie mit einem lauten Knacken auseinanderbrach und die Trümmer mit grotesk an-mutender Langsamkeit herunterpolterten. Ich nahm es emoti-onslos hin; verabschiedete mich mit offenen Augen und leerem Blick von mir, unserer katastrophalen Fehleinschätzung, hier am CERN einem Schöpfer gleich sein Werk nachahmen zu wollen und von der Illusion, das letzte Rätsel lösen zu können.
Äonen später, eingebettet in die Zeitlosigkeit des Lebens nach dem Tod, grüble ich immer noch darüber nach, wie die Katastrophe hätte verhindert werden können. Ich weiß es nicht, aber ich habe noch eine Ewigkeit Zeit, um es herauszufinden.
Kommentare
Das Genre ist wohl Science-Fiction. Doch ich persönlich finde, dass dieses Genre auch irgendwie zur Fantasy gehört.
Ich rätsle noch über das Augenscheinliche; die Wortspaltungen die du überall verstreut hast. Meine Vermutung geht in Richtung der von CERN untersuchten Zusammensetztung der Materie und deren unabsichtlichen Manipulation. Dann wären die Wörter Materie und CERN hat mit seinen Versuchen die Materie, also die Wörter verändert?
Finde ich ziemlich unspannend.
Es ist fast nur narrative Zusammenfassung.
Die Welt versinkt im Eis und der Erzähler wird erschlagen.
Es ist kein Konflikt da, keine Spannungsbogen, keine Charakterentwicklung. Die zwei drei Sätze im letzten Absatz retten das ganze auch nicht.
Wäre das die erste Geschichte in der Anthologie, würde ich sie nicht kaufen.
Ich weiß das klingt hart, aber das ist meine ehrliche Meinung.
Hm, da es CERN gibt und die sich mit Teilchenphysik beschäftigen, wird der Typ wohl ein Wissenschaftler gewesen sein ... was Teilchenphysik aber mit der Eiskatastrophe zu tun hat und warum CERN das vielleicht hätte verhindern können, ist mir schleierhaft. Aber der Kerl muss ja auch darüber nachdenken ... nur hat der etwas mehr Zeit als ich.
Insgesamt betrachtet ist der Text sehr passiv, gerade was den Protagonisten (und streng nach der Bedeutung des Wortes ist er das nicht mal) angeht.
Die Welt versinkt im Chaos, was sich für mich zu oft in der Reihenfolge der Schilderung wiederholt (Anfang, Eis-Metapher, Zerstörung, Farb-Metapher, Auswirkung, nächste Katastrophe), das Team widmet sich dem Alkohol ...
Spannender wäre es, wenn die Katastrophen durch Dialoge des Teams aufgelockert würden, in denen sich langsam der Hintergrund und/oder die Schuldfrage aufbaut. Auch ein Twist, den eine KG so reizvoll macht, fehlt mir. So sterben die am Ende einfach und aus ...
Schade.
Übrigens, Ich-Erzähler aus dem Jenseits, wem erzählen die eigentlich ihre Geschichte? Ich finde das immer etwas strange ...
Die "Auflösung" kann mich als (angehenden) Physiker überhaupt nicht überzeugen und scheint mir noch weiter hergeholt als die Angst vor einem schwarzen Loch, das die Erde verschlingen könnte…
Ich zitiere da einfach mal einen Satz von der CERN-Website:
Ich wünschte ich könnte etwas positiveres schreiben als die vor mir, aber die Geschichte ist nicht wirklich gelungen.
Die Idee von dem fallenden Eis finde ich gut, auch das Cern etwas damit zu tun hat ist ok. Aber es fehlt der Konflikt und das verhalten des Forscherteams kann ich nicht nachvollziehen. Die besaufen sich in aller Seelenruhe und schauen einfach nur zu? Hättest du statt dessen den Kampf des Teams gezeigt, der doch so aussichtslos ist, hätte es mehr berührt.
Liebe Grüße Juni
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