Orntelli Hills
Ein Romanauszug, der nie fertiggestellt wurde, obwohl ich Ideen dazu hätte:)
Orntelli Hills
Sie wollte nicht zurück. Das war es zumindest gewesen, was sie sich geschworen hatte, doch nun saß sie im Zug nach Orntelli Hills und keine Beteuerungen der Welt konnten abstreiten, dass ein winziger, unausstehlicher Teil ihres Herzens sich auf diese Rückkehr freute.
Sie kniff die Augen zusammen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Sie wollte nicht so denken. Wollte nicht wieder in dem selben Teufelskreis aus Hoffnung und Enttäuschung ertrinken. Wollte die Welt abprallen lassen an einer Glassschicht aus Gleichgültigkeit. Wäre es nur so einfach...
Die Welt vor dem Fenster glitt dahin wie ein viel zu schneller Traum. Die weißen Wolken ein verzerrtes Labyrinth in der Nacht. Nicht mehr lange und sie würde da sein.
Als die Gleise schließlich unter der schweren Last der Bremsen quietschten, schreckte sie mit klopfendem Herzen auf. Nur noch wenige Minuten, noch nicht einmal mehr eine Stunde...
Der Schaffner zog die Tür zu ihrem Abteil auf und streckte den Kopf hinein. "Mam? Soll ich ihr Gepäck für sie tragen?"
Sie schüttelte stumm den Kopf. Sie hatte nicht viel und das Wenige war ihr zu wertvoll um es anderen anzuvertrauen, selbst wenn es nur zerstörte Erinnerungen und Gedanken waren.
"Nein danke", sie zwang sich zu einem kleinen Lächeln.
Der Schaffner nickte und ging weiter zum nächsten Abteil.
Als sie ausstieg wurde sie von einer bekannten Mischung aus Rauch und Kohlestaub begrüßt, die vom Wind getragen über die Landschaft fegte. Seufzend festigte sie den Griff um ihren Koffer und schritt entschlossen den unauffälligen Weg nach Orntelli Hills hinauf.
Die abgeblühten, welken Blüten und kahlen Bäume die den Weg säumten, erinnerten sie daran, dass es an diesem Ort nie einen Frühling gab - nie gegeben hatte, solange sie sich erinnern konnte.
Umso törichter war die Enttäuschung die sie plötzlich empfand, dass sich über all die Jahre nichts daran geändert hatte. Aber die Öfen der Fabriken und Kraftwerke um Orntelli Hills hatte auch während dieser Jahre nicht aufgehört zu schweißen und zu brennen und so lag noch immer der verbrannte Geruch von kalter Asche in der Luft, der nichts außer Herbst und Winter zuließ.
Sie kniete sich nieder, um eine ausgerupfte Blume zurück auf die Wiese zu legen. Dort wenigstens würde sie als Nährstoff für andere ihrer Art Hoffnung verbreiten können.
Als sie schließlich das protzige Anwesen erreichte, war sie einen Moment völlig überwältigt von der Macht und Stärke, die seine kalten Steinmauern verbreiteten. Ergraute Figuren wachten an allen Ecken und Torbögen unter einem Mantel aus schwarzen Flechten und Smok. Roter Efeu schlich unbemerkt am eisernen Gittertor empor.
Cassia hasst Rot
Ärgerlich schüttelte sie den Kopf, als sie merkte, wie ihre Hand wie von selbst zu den Ranken gewandert war, wie um sie vom Gitter zu reißen.
Sie stieß das schmiedeeiserne Tor auf und schloss es leise wieder hinter sich.
Die Stufen der Marmorveranda waren noch immer so makellos weiß, wie sie sie in Erinnerung hatte. Nur das weiße Oberlicht hatte einen tiefen Kratzer im Glas, der früher noch nicht da gewesen war und dunkel schimmerte wie eine Narbe.
Es wäre niemandem aufgefallen, aber Dania wusste, wie sehr die Herrin des Hauses Makel in ihrer Fassade hasste, und wenn es sich nur in einem beschädigten Oberlicht zeigte.
Der Stammbaum Orntelli hatte keine Fehler und wenn, dann mussten sie sofort getilgt werden.
Sie drückte auf die Klingel und wenige Sekunden später öffnete sich die große Flügeltür.
Ein kleines Mädchen mit welligen blonden Haaren und bleicher Haut stand hinter der Schwelle. Sie konnte allerhöchstens siebzehn sein, eher sechszehn. Als ihr Blick auf Dania fiel, wurde ihr Blick unsicher.
"Kann ich Ihnen helfen?"
Dania lächelte so freundlich sie konnte. Das Mädchen musste neu sein; sie hatte es noch nie gesehen. Kein Wunder, sie brauchen immer ein Dienstmädchen.
"Ist die Lady zu Hause?"
Der Blick des Mädchens wanderte an ihr auf und ab.
"Werden Sie von der Lady erwartet?", fragte sie nach einem Zögern.
Dania schüttelte den Kopf, "Die Lady wird mich sehen wollen."
Das blonde Mädchen schien sich sichtlich unwohl zu fühlen. Dania merkte, wie sie die Tür fast unmerklich wieder zwischen sie schob.
"Es tut mir leid, aber die Lady empfängt nur bekannte Gäste."
Dania spürte die Endgültigkeit in ihrer Stimme und schob schnell einen Fuß über die Schwelle. Ihr Blick fiel dabei auf die Augen des Mädchens. Ein helles, kristallines Blau, aber zischen Iris und Pupille erkannte sie fünf winzige schwarze Punkte und ein unauffälliger milchiger Schleier schien über ihren Augen zu liegen. Dania stockte.
"Was geben sie dir zu essen?"
Das Mädchen zuckte und wich mehrere Schritte zurück.
"Miss, ich muss sie bitten zu gehen."
Dania machte keine Anstalten zu gehen. Das Mädchen machte einen Schritt auf sie zu, dann blieb sie wieder stehen.
"Bitte. Gehen sie", ein flehender Unterton schlich sich in ihre Stimme.
"Lannya?"
Ein zittern fuhr durch Danias Körper und eine Erinnerung raubte ihr den Atem. Auch das Mädchen zuckte zusammen.
"Herrin?", ihre Stimme bebte auch wenn sie es zu unterdrücken versuchte und ihre Augen weiteten sich.
"Wer ist da an der Tür Lannya?"
"Niemand, Herrin", antwortete sie, während sie im selben Moment versuchte, Dania aus der Tür zu schieben. In ihren Augen lag ein flehendlicher, verzweifelter Ausdruck, den Dania so gut von sich selbst kannte. Aber wie sie angenommen hatte, war nicht mehr viel Kraft in diesem Mädchen. Sie war genauso gebrochen wie Dania es einmal gewesen war und immer sein würde.
Sie schob das Mädchen mit erschreckender Leichtigkeit beiseite und achtete nicht auf sie, als sie versuchte, Dania am Ärmel zurück zu ziehen.
"Misses...Bitte!", flehte sie erstickt.
Dania riss sich los und schritt entschlossen in Richtung des Grünen Salons und stieß die angelehnte Tür mit einer Hand auf.
"Antworte mir Lannya...!"
Cassias metallharter Blick weitete sich vor Überraschung, als sie Dania im Türrahmen stehen sah. Dann schmolz das graue Metall in ihren Augen in schimmernde Bronze.
"Danielle", flüsterte sie seidig. Die teuren Gewänder um sie herum raschelten sachte, als sie sich von ihrem grünen Diwan aufsetzte. Mit einer schlanken weißen Hand winkte sie Dania näher.
"Komm her, Dania. Setz dich. Es ist sooo lange her! Verschwinde. Ich werde dich später holen.", wandte sie sich an Lannya, die ängstlich und verwirrt hinter Dania stehen geblieben war.
Sie zog erschrocken die Schultern hoch und hastete eilig den Gang davon. Cassias Augen strahlten Kälte und Gift, während sie zusah, wie das Mädchen davonhuschte.
"Lannya ist ein gutes Kind", schnurrte sie, "aber keine konnte es mit dir aufnehmen. Manchmal denke ich, es fehlt ihnen der Wille", sie lachte kurz auf und Dania hörte den Hohn hinter ihren Worten.
Dania trat langsam näher, bis sie fest direkt vor ihrer alten Herrin stand.
Der grüne Salon sah noch immer genau so aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Dunkler Onyx und grüner Satin in allen möglichen Schattierungen zierten den Raum. Dunkle Kohlen glühten schwach in einem marmoreingefassten Kamin.
Ein Goldener Schieber, auf dem Wein und andere Getränke abgestellt waren, stand neben Cassia. Versonnen schwenkte sie ein Glas mit dunkler Flüssigkeit, während sie Dania musterte.
"Du siehst hübsch aus", sagte sie schließlich, "aber das warst du schon immer. Und du hast feine Kleider an. Dir mangelt es nicht an Geld. Was suchst du also hier, Dania? Doch nicht etwa das Leben, oder?", sie lachte höhnisch auf, "Wohl kaum, du hast es doch verabscheut. Oder tut es dir jetzt leid, dass du es damals verschmäht hast und lieber davongerannt bist?"
Mit dem Rand ihres Glases glitt sie scheinbar nachdenklich am Rand ihrer Unterlippe entlang, aber Dania entging nicht das gefährliche Lächeln, dass um ihre Mundwinkel spielte.
"Aber du bist zu stolz Dania, oder zu Intelligent, wie du es gerne ausgedrückt hast und es fiel dir schon immer so schwer, dich zu fügen. Wie schade", das letzte Wort glitt ihr als Seufzer über die glatten Lippen, die von einem tieferen Rot waren, als irgendein Lippenstift es je vermocht hätte, "Aber mehr als alles andere Dania, war es wohl töricht zurückzukehren, mein Kind", ihre Stimme wurde weicher als Samt und ihre Augen verengten sich zu bedrohlichen Schlitzen.
Dania versteifte sich, "Ich möchte gerne zurückkehren", antwortete sie leicht.
Plötzlich stellte Cassia ihr Glas mit einem lauten Klonk neben sich ab und stand auf. Im stehen war sie kaum größer als Dania. Trotzdem wirkte sie bedrohlich obwohl sie so zierlich und fragil aussah wie ein Strohhalm.
Dania konnte die Kälte und die Unwirklichkeit spüren, die von Cassias unverändert schlanker Gestalt ausging. Ihre weiße Haut schimmerte wie Perlmutt im matten Licht und umzeichnete ihre grazilen Züge mit Schatten. Sie musterte Dania lange und durchdringend.
"Du warst noch nie leicht zu durchschauen Dania. Ich werde dir dein altes Zimmer geben, aber merke dir. Du bist keine von uns mehr. Dieses Mal wirst du dich an unsere Regeln halten", ihr Gesicht wurde weich und sie strich ihr mit einem dünnen Finger über den Hals, wo das gleichmäßige Schlagen ihrer Schlagader unter der Haut zu spüren war, "oder sterben", hauchte sie.
Danias Mund wurde hart, aber sie zuckte nicht zurück, "Du weißt dass ich das nie gewesen bin, Cassia."
Cassia wich ohne Vorwarnung zurück und ließ sich locker auf ihren Diwan zurückfallen, ein Lächeln zuckte um ihre Mundwinkel, während sie Dania mit einem Wink ihrer Hand entließ.
"Lannya wird dir dein vorläufiges Zimmer zeigen", sie hob einen Finger, "Aber vergiss nicht was ich dir gesagt habe."
Dania nickte und verließ den Raum ohne einen Blick zurück.
Lannya wartete bereits vor der Tür. Dania bemerkte die ängstlichen Blicke die das Dienstmädchen ihr immer wieder zuwarf, während sie eine Kerze aus einem der vergoldeten Wandhalter löste. Mit einer Schulterbewegung bedeutete sie Dania ihr zu folgen.
Schon ab dem zweiten Stockwerk verblasste der Prunkt des Untergeschosses. Dunkle ausgeblichene Brokattapeten zierten die Wand neben wandhohen erstarrten Vorhängen, von denen weißer Staub rieselte als Dania sie streifte. Sie unterdrückte ein Schaudern als sie an die makellose Fassade dachte, die Cassia so geschickt um sich und die Bewohner von Orntelli Hills errichtet hatte. Nur hier oben zeigte sich, was sie wirklich waren: Staub und Schatten.
Erschöpft schloss sie die Augen. Vielleicht ist die Wahrheit immer im Dunkeln versteckt.
Kommentare
Hallo littlesock,
wirklich gut. Mir hat dein Textausschnitt gefallen. Hast du schon mehr geschrieben? Ich bin zwar an der ein oder anderen Stelle kurz rausgeflogen, aber sobald du mit Lannya und Cassia angefangen hast, hattest du mich.
Cassia ist so herrlich böse... man weiß zwar gleich, wo die Fronten sind, aber das macht aus meiner Sicht auch gerade den Charme aus. Warum schreibst du die Geschichte nicht weiter? Möchtest du dazu eine Detailkritik oder soll ich dir erstmal "nur" die Stellen nennen, die mich etwas irritiert haben?
Herzliche Grüße,
Moira
Hallo Moira,
Danke dass du meinen Textauszug für mich gelesen hat!
Dass ich die Geschichte nicht weitergeschrieben habe, liegt eben an meinem fehlenden Momentem *augenroll*^^
Alles was ich geschriebene habe klang so...krampfhaft...
Mir ist jegliche Kritik recht. Je detaillierter, desto mehr kann man natürlich daraus lernen, aber mach bitte einfach das, wofür du Zeit hast:)
LG
little sock
Hallo littlesock,
meine Überlegung war, ob du für einen Textauszug, den du sowieso noch nicht weitergeschrieben hast, schon eine Detailkritik möchtest. Mich persönlich frustriert sowas meist immer. Vielleicht wäre es gut, wenn du einfach mal einen zweiten Teil einstellst - dann sehen wir ja, ob nur dir der Text krampfhaft vorkommt (das passiert mir nämlich häufig) auf Grund des fehlenden Momentum, oder ob er tatsächlich nicht so gut an den ersten Teil anknüpft.
Ich schreibe dir aber auch gerne eine Detailkritik, das dauert nur momentan etwas länger.
Hallo littlesock,
leider fehlt mir momentan die Zeit, genauer auf den Text einzugehen, weil ich gleich los muss.
Aber so viel kann ich schon sagen: Die Atmosphäre ist dir wirklich gelungen. Schreibtechnisch gefällts mir auch.
Gibt es etwas, worauf wir beim Kritisieren besonders achten sollen?
LG
Yvonne
@Moira
Hmmm, was genau meinst du mit Detailkritik? Anscheinend stelle ich mir darunter etwas anderes vor, als es ist?
Dass ich in nächster Zeit weiterschreibe ist allerdings nicht sehr wahrscheinlich, weil ich gerade mit einem anderen Projekt beschäftigt bin.
@Zauberling
Vielen Dank für deine Komplimente:)
Bitte lass dir Zeit. Der Text ist vor einigen Monaten entstanden, also habe ich es nicht zu eilig, dass er "zerfleddert" wird. Es gibt auch nichts bestimmtes, dass ich gerne verbessert haben möchte. Nur der Anfang kommt mir selber etwas zu langatmig und emotional vor^^
LG
littlesock
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