Ruhm und Ehre - Eine Geschichte von Verrat
Hallo allerseits!
Als Neuling hier möchte ich euch einmal einen meiner Texte aus meinem aktuellen Projekt vorstellen. Es handelt sich dabei um die Eröffnungsszene. Allerdings ist der Ausschnitt noch kaum überarbeitet, da ich mich momentan noch bei der Erstfassung meines Romanes aufhalte. Leider habe ich keine allzu große Auswahl, weil ich unter dem Projekt-Abbrecher-und-durch-neues-Ersetzer-Syndrom leide und mein letztes Werk, das über die Erstfassung herausgekommen ist, mittlerweile auch schon drei Jahre auf dem Buckel hat - schreiberisch habe ich mich in dieser Zeit stark weiterentwickelt, es wäre also keineswegs repräsentativ.
Anmerkung: Es handelt sich mittlerweile um die zweite, überarbeitete Fassung. Außerdem hat sich in der Zwischenzeit der Titel des Romanes geändert.
Inhaltlich sei noch angemerkt, dass Andras nach diesem Mord beim Versuch, die Tochter ebenfalls ins Jenseits zu befördern, entdeckt wird und fliehen muss.
Die Priester des Ajrah behaupteten, es sei böse, zu töten. Andras schnaubte verächtlich. Menschen können doch so naiv sein. Legten ihr Vertrauen in die Ausgeburt von halluzinierenden Geisteskranken. Am Ende starben Priester ebenso wie alle anderen, wenn man ihnen die Kehle durchschnitt – das hatte ihn die Erfahrung zu Genüge gelehrt.
Er warf einen Blick hinauf zum Himmel. Rote und weiße Sterne glommen am Firmament, inmitten ihrer kleinen Lichtkreise der helle Vollmond der sein silbriges Licht auf die verlassenen Straßen von Aljrano warf. Um dieser Uhrzeit war niemand mehr auf, eine drückende Stille lastete über der Stadt. Alle Fensterläden waren geschlossen, die Türen verriegelt. Es waren unruhige Zeiten und wenn die Reichen etwas wussten, dann, wie sie sich vor Dieben zu schützen hatten. Nicht, dass irgendeine dieser Vorkehrungen etwas gegen ihn hätte ausrichten können.
Die hoch in den Himmel ragenden Häuser Aljranos tauchten die Straße in Schatten, ließen die Nacht noch dunkler wirken als sie es eigentlich war. Mit der Routine jahrzehntelanger Erfahrung huschte Andras über das raue Pflaster, vermied es sorgfältig, in die schmalen Streifen des hellen Mondlichts zu treten. Eine Gewohnheit, die er sich im Laufe seiner gut zwanzig Jahre als Attentäter angeeignet hatte. Ein Meuchelmörder, der sein Handwerk verstand, mied das Licht. Denn wo Licht war, lauerten auch die neugierigen Augen unerwünschter Zuschauer. So simpel es erscheinen mochte: Die Essenz eines Mordes war es, Zuschauer zu vermeiden. Sie konnten zu ungeahnten Konsequenzen führen.
Die Luft war so schwül, dass er selbst selbst in seinem leichten Gewand aus schwarzem Samt schwitzte, das erdrückend eng an seinem stämmigen Leib klebte. Mit gerümpfter Nase sog er den Geruch seines Körpers ein. Er hasste Schweiß, der nicht nur stank, sondern auch noch einen kratzenden Ausschlag auf seiner Haut verursachte. Hier im Süden war es eindeutig zu warm für seinen Geschmack, noch nicht einmal die Nächte boten eine nennenswerte Erfrischung.
Schließlich bog er nach rechts auf eine der breit angelegten Prachtstraßen. Hier war es heller, zu hell für seinen Geschmack. Die filigranen Villen standen weiter auseinander als die Häuserschluchten der ärmeren Viertel. Lediglich die Schatten der Bäume, die Blätter wie erstarrt in der völligen Windstille, warfen starre Muster auf das Pflaster am Rand der Straße.
Andras leckte sich die unangenehme salzige Feuchte von den Lippen, die sich aus der Luft an seiner Haut absetzte. Von fern drang das Rauschen des Meeres an seine Ohren. Dort, am Hafen im Osten, war die Stadt selbst um diese Nachtzeit noch voller Leben. Durch die Stille des Reichenviertels drangen die derben Rufe der primitiven Matrosen bis hierher, die ihre Heuer bei Schnaps, Spiel und Huren verprassten.
Zielstrebig verließ er nun die Hauptstraße, die auf direktem Wege zum Palast des Stadtherrn führte und bog nach rechts in eine schmalere Seitenstraße. Die Häuser hier zeugten noch immer vom Reichtum ihrer Einwohner, allerdings ließen sie den Glanz vermissen, den die Villen entlang der Hauptstraße so unmissverständlich ausstrahlten.
Mit weit ausgreifenden Schritten folgte er der neuen Straße, die in einer weiten Rechtskurve vom Stadtzentrum fort führte. Auch hier rührte sich nichts. Wer etwas auf ein gepflegtes Leben hielt, ließ sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf der Straße blicken. Dieses Viertel war für gewöhnlich so ruhig, dass die Stadtwache nur zweistündlich patrouillierte und er hatte darauf geachtet, sie gerade abzupassen. Es blieb ihm also noch Zeit. Zudem: So lange er nur durch die Straßen lief, hätten sie keinen Grund, ihn anzuhalten. Er war ein Mann in den mittleren Jahren, hatte ein unauffälliges Gesicht und war gekleidet wie jemand, der hierher gehörte.
Nach einiger Zeit blieb er stehen. Neben ihm am rechten Straßenrand lag das Haus, das er gesucht hatte. Inmitten eines Gartens, die Luft erfüllt mit einem schwer süßlichen Blumenduft, stand das quadratische Sandsteingebäude. Natürlich war die Villa in der Dunkelheit nur undeutlich sichtbar, doch er hatte sich bei Tageslicht schon einmal in die Nähe gewagt und wusste, wie sie aufgebaut war. In den vergangenen Tagen hatte er Desimir Beric und seine Tochter häufig aus der Ferne beobachtet und war dabei auch zu dem Schluss gekommen, dass sie nur innerhalb ihrer eigenen vier Wände zu ermorden wären. Tagsüber waren sie viel zu selten allein. Beric vermied die verruchten Viertel der Stadt, in denen es die Menschen schulterzuckend hinnahmen, wenn vor ihren Augen ein Fremder ermordet wurde - und einen der beiden öffentlich zu stellen, käme einem Selbstmord gleich. Zu viele Soldaten, zu viele einfache Männer, die sich in Hoffnung auf eine kräftige Belohnung in den Kampf stürzen würden. Nein, die einzige Möglichkeit war es, Beric und seine Tochter heimlich im Schlaf zu erwischen. Bevor sie eine Chance hatten, sich zu wehren oder Alarm zu schlagen. Es war höllisch riskant, an der gesamten Dienerschaft vorbei unbemerkt in das Haus einzudringen, aber er hatte kaum eine Wahl. Man nannte ihn nicht umsonst den gefürchtetsten Attentäter aus ganz Akator.
Beric war ein Mitglied der örtlichen Gilde, so hatte sein Auftraggeber Gordan ihm erklärt, der bereits eine beträchtliche Summe von seinem Vater geerbt und dieses Vermögen geschickt ausgeweitet hatte. Er gehörte zu den einflussreichen Männern der Stadt und war regelmäßiges Mitglied des engen Rates. Und er war ein Spitzel der Rebellen, ein Mitglied jener Kernorganisation, die seit Jahren an einem versteckten Ort irgendwo hier in Akator lebte und gegen die Besatzer aus dem gabharischen Weltreich Widerstand leistete.
Entschlossen trat Andras in den Schatten des Hauses und huschte über den angelegten Weg zur Tür, wobei er darauf achtete, nicht auf die weiche Erde des Gartens zu drehten. Dort würde er ohne Zweifel Spuren hinterlassen und jeder kleinste Fehler, den er sich erlaubte, könnte zu seinem Verhängnis werden.
Er warf einen kurzen Blick über die Schulter, um sicherzugehen, dass er nicht beobachtet wurde. Gordans Bedingungen waren eindeutig gewesen: Die Spur durfte in keinem Fall zu ihm zurückverfolgt werden. Und wenn jemand Andras sah, dürfte es ihm nicht schwerfallen, eine Verbindung zu Gordan herzustellen. Von wem er die meisten seiner Aufträge entgegennahm, war ein offenes Geheimnis.
Andras presste das Ohr an den engen Spalt zwischen der schweren Holztür und dem Rahmen und lauschte nach Bewegungen. Wenn Beric sich verhielt wie in den letzten Tagen, dann dürfte er mittlerweile längst in tiefem Schlaf liegen. Dennoch, er konnte es sich nicht leisten, Risiken einzugehen. Dieses Attentat war auch ohne sie gefährlich genug.
Vorsichtig legte er die Hand auf die Klinke und drückte sie geräuschlos herunter. Verschlossen. Wie zu erwarten. Niemand war so vertrauensselig, seine Haustür des Nachts unverschlossen zu lassen – erst recht nicht mit einem Vermögen wie dem Berics. Er fingerte mit der rechten Hand in der Tasche seines Gewandes herum und zog einen Bund Dietriche hervor. Erneut warf er einen kurzen Blick hinter sich – es war ihm schmerzlich bewusst, wie verdächtig er selbst auf den ersten Blick für einen potentiellen Zuschauer aussehen musste. Dann wählte er einen der Dietriche aus, tastete nach dem Schloss und machte sich daran zu schaffen.
Die Zeit, die er benötigte, um das Schloss zu öffnen, erschien ihm wie eine Ewigkeit. Immer wieder rutschten seine schweißnassen Hände ab, während er, höllisch bedacht darauf, keine Geräusche zu verursachen, herumhantierte. Verfluchtes Schloss. Warum konnte Beric nicht einfach eines dieser gewöhnlichen Standardschlösser verwenden?
Auch wenn Andras äußerlich gelassen blieb, bemächtigte sich seiner eine aufkommende Unruhe. Wenn nun jemand zufällig die Straße entlang käme... Endlich. Ein leises Klicken ertönte und das Schloss sprang auf. Obwohl es ihn drängte, von der offenen Straße zu verschwinden, zwang er sich, einige Sekunden stehen zu bleiben. Er musste sicher gehen, dass er mit dem Geräusch niemanden geweckt hatte – andernfalls würde es ein höchst schmachvolles Ende mit Andras Kovič nehmen. Übereile war der Tod jedes Meuchlers. Schließlich drückte er sanft die Klinke hinab, öffnete die Tür spaltbreit und zwängte sich ins Innere.
Die Luft hier drinnen war angenehm kühl, doch es herrschte die selbe vollkommene Stille wie draußen. Noch nicht einmal die Andeutung eines Geräusches. Außerdem war es stockfinster. Vermutlich befand er sich in einem jener kleinen Eingangsräume ohne Fenster. Eine nutzlose Tradition aus der Zeit, als die Kulonen noch geherrscht hatten.
Langsam und vorsichtig tastete er sich an der rauen Steinwand entlang. Zwei Mal machte sie einen rechtwinkligen Knick, dann stieß seine linke Hand plötzlich auf Holz. Eine Tür. Er ertastete die metallene Klinke und drückte sie herunter. Die Tür glitt auf und offenbarte einen weiten Empfangsraum. Der Mond schien durch ein Fenster und tauchte den Saal in ein diffuses Licht, voller wirrer Schatten. Mit einem schnellen, routinierten Blick überprüfte Andras den Raum. Ein großer Esstisch mit hölzernen Bänken an seinen Seiten stand in der Mitte, ein Sofa und ein kleinerer Tisch in einer Ecke neben einem offenen Kamin, der allerdings nicht so aussah, als sei er in den letzten zehn Jahren einmal genutzt worden. Ihnen gegenüber führte eine schmale Treppe nach oben. An den Wänden hingen Regale voller Schriftrollen, die einen modrigen Geruch absonderten. Kaufmännische Prahlerei. Die einzigen, denen solche Aufzeichnungen etwas nutzten, waren die Spione ihrer Feinde, die sich für die fein säuberlich aufgearbeiteten Informationen bedankten.
Mit einigen großen Schritten durchmaß Andras den Raum und wandte sich zur Treppe, die ins Obergeschoss führte. Da der Empfangsraum beinahe das gesamte Untergeschoss des Hauses einnahm, mussten die Schlafgemächer im ersten Stock liegen. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, überprüfte jede Stufe, bevor er sein Gewicht darauf legte. Er musste vorsichtig sein. Ein hellhöriger Diener mit einem leichten Schlaf – und im Nu wäre das gesamte Haus in Alarmbereitschaft. Beric und seine Tochter dann jemals zu erwischen, würde an einen Akt der Unmöglichkeit grenzen. Wenn er überhaupt mit dem Leben davonkam.
Er erreichte den Absatz der Treppe. Sein Herz hämmerte und Adrenalin pulsierte durch seine Adern. Die entscheidende Phase hatte begonnen. Jeder Fehltritt konnte sein Scheitern bedeuten. Er liebte diesen Nervenkitzel. Die Gewissheit, dass es keinen zweiten Versuch geben würde. Stets nur einen Schritt vom Tod entfernt. Dennoch, es war kaum echte Angst die er empfinden mochte. Angst war nichts weiter als eine voreilige Reaktion auf Gefahren. Angst machte kopflos. Wer aus Furcht handelte, stand schon mit einem Fuß im Jenseits. Und wovor sollte er sich fürchten? Das Schlimmste, was ihn ereilen mochte, war der Tod und was war daran schon fürchtenswert? Die Unterwelt war nichts als ein Gedankenkonstrukt von Priestern. Naiv, wer sie fürchtete. Das einzig Bedauernswerte, würde er sterben, wäre, dass er dann keine Gelegenheit mehr hätte, noch mehr von diesem süßen oršanischen Rotwein zu kosten.
Für einen Moment blieb er stehen und sah sich um. Außergewöhnliche Achtsamkeit war geboten. Auf diesem Stockwerk dürften sich sechs oder sieben Menschen befinden, nur durch angelehnte Türen von ihm getrennt. Er befand sich in einer leeren Diele, die von gebrochenem Mondlicht schwach beleuchtet wurde. Genug für seine scharfen Augen. Sechs Türen grenzten an den Flur, einige verschlossen, andere angelehnt. Mindestens drei davon mussten Schlafzimmer sein: eines für Beric, eines für seine Tochter und ein oder zwei für die Dienerschaft. Je nachdem wie großzügig der Kaufmann war.
Er lauschte nach Geräuschen aus den angrenzenden Räumen. Die regelmäßigen Atemzüge von Schlafenden drangen an sein Ohr, doch es waren mehrere und er konnte nicht genau bestimmen, woher sie kamen. Das brachte ihn nicht weiter, er würde näher an die einzelnen Räume heranmüssen. Auf Zehenspitzen schlich er vorwärts, jede Faser seines Körpers zum Zerreißen gespannt. Aus dem ersten Zimmer zu seiner Rechten klangen etwas laute, schwerfällige Atemgeräusche. Er horchte genauer hin. Nur eine Person, dessen war er sich mittlerweile sicher. Das musste Beric sein! Er glaubte kaum, dass dessen zierliche Tochter so schnaufen würde. Andras griff an seinen ledernen Gürtel und zog sanft, um kein verräterisches metallisches Scharren zu erzeugen, seinen Dolch aus der Scheide.
Er machte einen Schritt vor, stand nun direkt vor der Tür. Mit geschlossenen Augen atmete er tief ein und aus und zwang sich zur Ruhe. Er würde schnell handeln müssen. Desimir Beric durfte in keinem Fall erwachen, oder gar einen Laut von sich geben. Seine Tochter wäre gewarnt und er konnte es sich nicht leisten, sie entkommen zu lassen. Sie würde vermutlich geradewegs zu den Rebellen fliehen und ihnen alles berichten, was sie von ihrem Vater erfahren hatte. Er drückte die Tür langsam auf, erwartete halb, jeden Augenblick das Geräusch des alten Mannes zu hören, der aus seinem Schlaf hochfuhr. Finsternis. Der Raum, der sich ihm eröffnete, war noch dunkler als die Diele; er lag an der vom Mond abgewandten Seite des Hauses. Er konnte gerade noch eine Gestalt auf dem Doppelbett in der gegenüberliegenden Ecke erkennen.
Sprungbereit machte er einen ersten Schritt hinein. Sein Herz raste, als er sich mit größter Umsicht vorwärts bewegte, hochkonzentriert, den Blick starr auf sein Opfer gerichtet. Ein Teppich dämpfte seine Schritte, doch selbst der vorsichtigste Schritt schien in der Stille quälend laut wieder zu hallen.
Schließlich stand er an der Bettkante, seine Augen mittlerweile an das wenige Licht gewöhnt, wagte es kaum, zu atmen. Auf der Höhe seiner Hüfte, als Witwer allein in einem Ehebett, lag Desimir Beric. Ein anderer Attentäter hätte sich nun vielleicht einige Sekunden in der Gewissheit des baldigen Todes seines Opfers gesonnt, doch Andras wusste, worauf es vor allem ankam: Schnelligkeit. Er hatte keine Zeit zu verlieren.
In einer einzigen, fließenden Bewegung packte er den alten Kaufmann bei den Haaren, riss seinen Kopf herum und schlitzte seine Kehle auf. Perfekt. Sein Opfer fiel schlaff zurück in die Kissen, Blut sprudelte aus seiner tödlichen Verwundung, die Augen weit aufgerissen. Nicht einmal ein Röcheln hatte er von sich gegeben. Andras tat einen flinken Schritt zurück und achtete peinlich genau darauf, sich nicht mit Blut zu besudeln. Ein Mord, wie er im Buche stand. Vorsichtig säuberte er seine Klinge an einem Stück unbefleckten Bettlakens.
Kommentare
Hier mal eine kurze Einschätzung von meiner Seite:
Das ist mal eine klassische Einleitung, wie ich sie auch schon geschrieben habe, aber ebenso wie meine Szene krankt deine Einleitung etwas an dem Spagat, Figuren und Welt gleichzeitig einführen zu wollen.
Zwar beschränkst du dich mehr auf die Figur (was richtig ist), erwähnst aber immer wieder Dinge, die nicht weiter erklärt werden. Das ist für mich in Ordnung, denn dadurch umgehst du unnötiges und plumpes Info-dumping, doch in der Vielzahl von Dingen (z.Bsp. die Priester, Architektur, Stadtteile, politische Verhältnisse) hat fast den selben Effekt auf mich. Wenn es tatsächlich eine Einleitung ist, will ich erst wissen, ob mir die Figur gefällt, doch Andras erscheint mir wegen der vielen Gedanken, die er sich macht, etwas "unkonzentriert".
Was mir massiv auffällt, ist der fast schon verschwenderische Umgang mit Adjektiven. Ich bin kein Fan von der Faustformel, möglichst keine Adjektive zu verwenden, aber bei dir ist es mir schon echt zu viel:
Weniger ist mehr!
Außerdem verwendest du auch gerne mehrere Adjektive für die selbe Art von Beschreibung:
"ruhig" und "gleichmäßig" sind mir zu nahe beieinander, da kann man sich (so man sie denn brauch) auf eines beschränken. Nimm das Adjektiv, welches "stärker" ist und die Sache am besten verdeutlicht. Besser natürlich ist immer noch die altbekannte Weisheit "show, don´t tell", die kommt hier aber sicher schon jedem zu den Ohren raus! ^^
Trotzdem steckt da natürlich ein großer Funke (wenn nicht DER Funke überhaupt!) Wahrheit drin.
Wichtig bei der Szene ist es, dass Tempo zu erhöhen, denn die ganzen erklärenden "Abschweifungen" bremsen für mich den Text, in dem es um einen eigentlich blitzschnell ausgeführten Mord geht, nur unnötig aus ...
Hallo Grubi!
Danke für deinen Kommentar! Mit den Adjektiven hast du recht, wenn ich es genauer besehe. Seltsam, ich habe nämlich bis vor kurzem immer gedacht, ich verwende vergleichsweise wenig Adjektive (ohne genauer nachzuzählen). Außer das "gepflastert", das habe ich in der handschriftlichen Erstfassung auf einer Seite in etwa fünf Mal erwähnt: "Er lief über die gepflasterte Straße", "Seine Schuhe traten auf das rauhe Pflaster", "Er sprang auf den gepflasterten Boden"
Von diesem Standpunkt habe ich es noch gar nicht betrachtet. Für mich dienen die abschweifenden Gedanken als indirekte Charakterisierung oder möglichst dezente Informationsvermittlung. Ich werde mal versuchen, seine Gedankengänge auf den geplanten Mord zu fixieren und dabei trotzdem die notwendig Informationen zu vermitteln, aber das wird nicht ganz einfach.
Grüße
Joscha
Hallihallo!
Bisher ist es keinem Aufgefallen, aber du hast einen Widerspruch in deinen Text eingebaut:
Hier pirscht (=schleicht) er sich heran und wenige Absätze später:
Das passt nicht so ganz zusammen.
Eine andere Stelle, die ich nicht so breit gewälzt hätte:
Der Dolch wird hier für den Leser veranschaulicht - aus der Sicht von Andras. Nun, Andras dürfte sich doch nach den vielen Morden mit dieser Klinge nicht mehr sonderlich dafür interssieren. (Würde mir logischer vorkommen.)
lg jin
Hallo Jin!
Danke für deine Hinweise! Solche kleinen Sachen übersieht man doch so oft.
Oh. Ja. Hehe. Mittlerweile bin ich mir da sowieso nicht mehr ganz so sicher. Ich habe Zweiteres nur selbst irgendwo gelesen und es schien mir relativ logisch (genau so, wie man nicht nur von Lärm, sondern auch von plötzlicher Stille manchmal erwacht - weil sich einfach etwas verändert), aber ich muss zugeben, dass ich das selbst noch nicht ausprobiert habe.
Der Abschnitt wird in der Überarbeitung auch herausfliegen. Das Messer hat keinerlei Relevanz, der Absatz steht auch hauptsächlich wegen des letzten Satzes. Dass es sich um eine wertvolle Klinge handelt (Andras ist so der Typ, der alles gerne möglichst wertvoll und edel hat), lässt sich ja auch nebenbei erwähnen.
Viele Grüße
Joscha
Noch einmal zu dieser Sache mit dem Anschleichen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Mein Freund hat es bis jetzt noch nicht geschafft mich sanft zu wecken. Jedes Mal wenn er sich "anpirscht" (eher wenn er es versucht) werde ich ganz ruckartig wach. Er steht dann immer etwas hilflos noch einige Schritte entfernt und hat ein tierisch schlechtes Gewissen. ^^
Also, ja es gibt Leute an die man sich nicht anschleichen kann.
Oder Leute, die sich eben nicht anschleichen können!
Einen geübten Mörder würde ich dies aber durchaus zutrauen.
Und eben diese Tatsache stellt sich bei mir gefühlt öfter ein ... und bremst eben den Lesefluss. Es ist, als würde die eigentliche Handlung in dem Moment einfrieren um mir die Besonderheiten des Dolches möglichst eindringlich zu verdeutlichen. Dabei ist (in dem Moment) wirklich nur wichtig, ob die Klinge ihr Opfer findet oder nicht. Wenn man Andras über den Dolch charakterisieren möchte, kann man ihn nach gelungener Tat die Klinge penibel und mehr als nötig reinigen lassen und sowohl die Besonderheiten des Dolches auch als Andas´Verhältnis zu wertvollen Dingen verdeutlichen.
Hallo Joscha!
Sprachlich gelungen. Aber ich find's nicht spannend. (Apropos: Meine eigenen Texte finde ich leider auch nicht spannend, insofern sollte ich vielleicht besser die Klappe halten.
)
Du hast viel Beschreibung, viel Charakterisierung, etliches an Hintergrundinformationen, und sogar (PFUI!
) Vorgeschichte. Die eigentliche Handlung wird dadurch zurückgedrängt. Ich nehme an, das ist nicht ganz in Deinem Sinne. Wenn man in einer Eröffnungsszene mit einem Mordanschlag beginnt, deutet das darauf hin, dass man die Leser mit Spannung ködern will.
Nun gibt es aber nichts unspannenderes als Hintergrundinfo, Charakterisierung, Beschreibung und Vorgeschichte.
Wenn der Text an Spannung und Tempo gewinnen soll, würde ich Dir raten, alles, was auch nur im entferntesten an Hintergrundinfo oder Vorgeschichte erinnert, rauszustreichen. Wenn da irgendwo "war" oder "hatte" steht, sollten die Alarmglocken schrillen.
Beschreibung würde ich auf das Mindestmaß kürzen, das erforderlich ist, den Leser in die Szenerie zu ziehen.
Außerdem braucht der Leser einen emotionalen Anker, um Spannung empfinden zu können. Entweder muss er wollen, dass Andras Erfolg hat, oder er muss wünschen, dass der Anschlag fehlschlägt. Das kann nur funktionieren, wenn er für Andras oder gegen ihn Partei ergreift. Du brauchst also einen Aufhänger, der beim Leser Sympathie oder Antipathie erzeugt.
Die klassischen Kunstgriffe sind wahrscheinlich am besten geeignet, um auf die Schnelle Sympathie oder Antipathie zu erzeugen. Die dürfen durchaus plakativ sein, Hauptsache, Du zeigst an einer Handlung, was Andras' sein soll. Zum Beispiel:
Unsympathisch: Er tritt die niedliche Streunerkatze mit dem Stiefel, das Tier verendet qualvoll und er freut sich auch noch daran.
Sympathisch: Er schmeißt einem Bettler einen Kreuzer in den Hut und richtet ein paar aufmunternde Worte an ihn, es wird deutlich, dass die beiden befreundet sind.
OK, Klischee. Du kannst es sicher besser, Hauptsache, es ist eine Handlung und erzeugt unmittelbar Sympathie oder Antipathie.
In Deinem Text ist bereits eine Passage, die ähnliche Funktionen übernimmt:
Hier wird Andras als Zyniker beschrieben und als ziemlich mitleidloser Mensch. Aber das macht ihn weder sympathisch noch unsympathisch, denn er beweist uns nicht, dass das mehr sind als coole Sprüche. Also: Idee gut, aber es wirkt nur dann, wenn Du das durch eine Aktion unterstützt, die aus dem inneren Monolog bitteren Ernst werden lässt. Und zwar jetzt gleich, noch in diesem Absatz.
Du hast die Wahl. Entweder die Aktion lässt ihn sympathisch erscheinen, dann schließt der Leser, dass Andras zwar verbittert ist, aber sonst kein schlechter Kerl. Wenn er hingegen nach dem zynischen Gerede auch noch die Katze tritt, ist er für die nächsten fünfzig Normseiten unten durch, dann zittert man nur noch um sein Opfer.
Noch ein Hinweis zum Erzählmodus: Dein Text schwebt irgendwo zwischen narrativem und szenischem Erzählen. Zum Beispiel:
Das rafft, also ist es narrativ. Andererseits sieht man Andras direkt handeln, also ist es auch irgendwie szenisch. Solche Stellen lesen sich besser, wenn sie konsequent szenisch geschrieben sind. Einige Hinweise:
Das "wobei" ist ein Signalwort für narrative Zusammenfassung. Bei szenischem Erzählen geschehen Dinge nie gleichzeitig. In diesem Fall rafft es eine ganze Reihe von wichtigen Handlungen dahin. Ich versuche mal aufzuschreiben, was da zum Beispiel alles passieren könnte:
(1) Andras tritt in den Schatten des Hauses.
(2) Die Tür liegt jenseits des Gartens.
(3) Andras setzt einen Fuß auf die Gartenerde.
(4) Die Erde ist weich.
(5) Andras zieht den Fuß zurück.
(6) An der Hauswand liegen Steinplatten aus. Die Breite reicht gerade für eine halbe Fußbreite.
(7) Andras balanciert auf den Steinplatten entlang, den Oberkörper flach an die Hauswand gepresst.
(8) Es riecht nach Mörtel, Krümel lösen sich von der Wand und sauen Andras' Vorderseite ein.
(9) Er erreicht die Tür und sieht sich um.
(10) Keine Fußabdrücke zu sehen.
(11) Er atmet aus und wird sich bewusst, dass er die ganze Zeit über den Atem angehalten hat.
Ich hab' mal alles, was Andras tut, fett hervorgehoben. Dazwischen sind Stellen, die zeigen, was in der Umgebung vorgeht, was er hört, sieht, spürt, schmeckt, riecht. Wenn Du in den szenischen Passagen dieses Ping-Pong-Spiel zwischen Aktionen des Protagonisten und Reaktionen der Umgebung konsequent und hinreichend detailliert durchhältst, wird der Leser stärker in Deine Geschichte hineingezogen.
Fazit:
Obwohl sie sprachlich rund ist, zündet diese Passage noch nicht so richtig (jedenfalls nicht bei mir). Da ist mir zu viel Nutzlast (Hintergründe, Vorgeschichte, Charakterisierung) und zu wenig Treibsatz (Handlung und Konflikt).
Ich würde Dich gerne anstiften, die Passage radikal umzuarbeiten, also alles an Vorgeschichte und Hintergrundinfo raus, die spannenden Stellen konsequent szenisch schreiben etc., und sei es auch nur übungshalber.
Solltest Du Dich dazu durchringen, vorher aber auf alle Fälle die alte Version sichern, für den Fall, dass Dir die neue nicht gefällt.
Viele Grüße!
Quisille
Kommentar hinzufügen