Tuahina (Ausschnitt)
Mein erster Text, den ich hier hochlade, ein Ausschnitt aus einem Fantasyprojekt, an dem ich jetzt seit ein paar Jahren arbeite. Die Szene soll im Grunde nur zwei Nebencharaktere einführen, und ich habe sie für meine Verhältnisse unglaublich schnell runtergeschrieben. Daher bin ich mir ein bisschen unsicher, ob sie das anfangs angesetzte Tempo konstant hält, oder ob es irgendwelche Stellen gibt, über die man beim Lesen "stolpert"... Ich freu mich über hilfreiche Kritik und Kommentare 
Er hätte es kommen sehen müssen, dachte Rhòan, er hätte es verdammt nochmal kommen sehen müssen, dass es so laufen würde. Die ganze Sache war von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen. Egal wie, es hatte nicht funktionieren können. Nicht in dieser Stadt, nicht unter diesen Umständen, nicht, wenn alles, aber auch wirklich alles, vom ersten Moment an gegen sie gespielt zu haben schien. Die Altstadt mit ihrem Labyrinth aus Straßen, so schmal und dunkel, dass er glaubte, die Häuser würden sich jeden Moment zu ihm herunterbeugen und ihn unter sich begraben; die Zeit, die diesen verfluchten Tag mit der Ankunft der Cara hatte zusammenfallen lassen, weshalb die Zahl der Wachen und der Ajouh in der Stadt ungefähr auf das Dreifache gestiegen war; das Wetter, das sich schon gegen Mittag über ihnen zu einem gefährlichen schwarzen Wolkenturm aufgebaut hatte.
Es war so absehbar gewesen, und doch waren sie in die Falle gelaufen, die sie sich selbst gestellt hatten. Den Platzregen, der ihn längst bis auf die Knochen durchnässt hatte, der die dreckigen Pflastersteine glitschig machte und die Sicht auf ein paar Meter beschränkte – in den Richtungen, in denen ihnen das Straßenlabyrinth nicht ohnehin die Sicht nahm – den Regen nahm er kaum noch wahr. Das Donnergrollen hatte keinen Anfang und kein Ende mehr, und mehr als sein Gehör betäubte es fast alle seine Sinne, ließ ihn nichts mehr wahrnehmen außer Chitras Hand in seiner, die er auch dann nicht losließ, wenn einer von ihnen stolperte oder auf dem tückisch glatten Pflaster ausrutschte.
Alles was jetzt zählte: sie mussten hier raus. Sofort.
„Scheiße! Sie holen auf!“
„Halt den Mund und renn!“
Er zerrte Chitra weiter hinter sich her, auch wenn er sich sicher war, dass das hier längst nicht mehr der richtige Weg war. Vielleicht liefen sie ihnen direkt in die Arme, vielleicht rannten sie im Kreis, vielleicht gab es keinen Ausgang aus diesem Gewirr von Gassen und Häuserruinen, vielleicht war der Mond, an dem er versucht hatte, sich zu orientieren, nur eine weitere flackernde Straßenlaterne gewesen, ein städtisches Irrlicht, das sich genauso gegen sie verschworen hatte wie alles andere.
Ihnen lief die Zeit davon, hämisch, lauernd. Tick tack. Tick tack.
Die bedrohliche Enge der Gasse war so plötzlich verschwunden, dass er strauchelte vor Schreck, sich in letzter Sekunde fing und aus dem grellen Licht der über den Himmel zuckenden Blitze zurück in den Schatten der Häuser wich. Er zog Chitra an sich, sah die vom Regen verlaufenen Blutspuren in seinem blonden Haar und schluckte die bittere Erkenntnis herunter, dass er auch dieses Mal nicht in der Lage sein würde, den Verantwortlichen mindestens zehnmal so schlimm bluten zu lassen. Und diesmal einfach nur deshalb, weil keine Zeit war. Vor ihnen öffneten sich all die schmalen Gassen und mündeten in einen großen, runden Platz, in dessen Mitte sich das alte, dreckiggraue, verwitterte Ratsgebäude mit seinem Uhrenturm erhob. Sie waren am hinteren Ende des Platzes heraugekommen, und was das bedeutete, schlug grausamer ein als jeder Blitz. Sie waren vielleicht hundert Meter vom Ausgangspunkt ihrer Flucht entfernt. Und nach der Turmuhr blieben ihnen nichtmal fünf Minuten, bis hier kein Stein mehr auf dem anderen liegen würde.
„Kommen sie hierher?“
Statt zu antworten, vergrub Chitra sein Gesicht tiefer in Rhòans Jacke.
„Chi, konzentrier dich!“
„Ich kann's nicht sagen, der Regen, ich seh nur-...“
„Vergiss den Regen, kommt irgendwer in diese Richtung?“
Die Reaktion ließ noch einen Moment auf sich warten, doch dann hob Chitra ruckartig den Kopf. Sein Blick glitt einen Moment lang ruhelos hin und her, von der dunklen Gasse, in die er über Rhòans Schulter hinweg blicken konnte, zu dem monumentalen Bauwerk in seinem eigenen Rücken, quer über den weiten Platz; sein Atem ging flacher, schneller, und als er Rhòan wieder ansah, konnte der gerade noch erkennen, wie das silbrigweiße Leuchten in seinen Augen sich wieder in seine Pupillen zurückzog und nur schmutzigbraunes Grün zurückließ. Und Panik.
„Er ist viel zu früh!“, keuchte Chitra und sah sich wieder um, diesmal mit klarem Blick – dann stieß er sich von der Wand und von Rhòan weg, und schneller als dieser verstand hatte der blonde Junge sein Messer und seinen Revolver in der Hand. Er zog seinen Jackenkragen zur Seite und ließ das kleine graue Frettchen, das sich dort bis eben vor dem Regen versteckt hatte, heraus, und kaum saß es auf seiner Schulter, wechselte es seine Gestalt, und auch wenn es zu dunkel war, um zu erkennen, welche Form es angenommen hatte, fand Rhòan es beruhigend, zu wissen, dass wenigstens einer sich Flügel wachsen lassen konnte, um zu fliehen.
„Keine Toten, Chitra“, sagte Rhòan tonlos, als sein Partner, den Blick auf die Gasse gerichtet, angespannt mit seinem Messer spielte, folgte aber seinem Beispiel und zog seine Waffe.
Vielleicht war es Einbildung, aber er glaubte, den Boden unter seinen Füßen vibrieren zu spüren wie von hunderten von Füßen, die auf sie zukamen. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte er sich, warum sie nicht in eine andere Richtung rannten, in irgendeiner der Gassen auf der anderen Seite des Platzes verschwanden, wenn so offensichtlich war, dass sie sich ihren Verfolgern hier wie auf dem Präsentiertablett anboten. Aber Chitra schien was hinter ihnen war deutlich mehr Sorgen zu bereiten als das, dem sie sich gerade entgegenstellten.
„Wenn ich es sage, rennst du, so schnell du kannst“, sagte Chitra, jedes Wort deutlich artikulierend. „Nicht stehen bleiben, nicht abbiegen, nicht nach hinten schauen, egal wer oder was dich aufhalten will, räum es aus dem Weg und lauf.“
„Wir hatten 'ne Abmachung, Chi“, flüsterte Rhòan. Chitra brachte nur ein schwaches Nicken zustande und schluckte trocken.
„Ich weiß. Aber Elisha hält sich nicht an Abmachungen, also hab ich keine Wahl. Und dass ich dir versprochen hab, dass wir zusammen sterben, heißt nicht, dass ich Bock hab, hier und jetzt draufzugehen! Zehn Sekunden.“
Und durch das angespannte, wartende Schweigen, den prasselnden Regen und das Hämmern des Pulses in seinen Schläfen hörte er, viel zu laut, viel zu nah, das Ticken der Turmuhr. Tick tack. Tick tack. Drei, zwei, eins.
„Lauf!“
Ein Geräusch, viel lauter als das noch weit entfernte Donnergrollen, viel zu nah. Er sah die ersten ihrer Verfolger als schemenhafte Schatten um die Ecke kommen, sah die blanke Angst in ihren Augen, sah wie einige von ihnen stolpernd versuchten, umzukehren, während andere schon nachkamen; er hörte Oârans gellenden Schrei, als sie im Sinkflug so dicht über ihre Köpfe hinwegfegte, dass ihre Schweiffedern ihn berührten, und er wusste, dass es nicht an ihm, nicht an Chitra und nicht an dem Kherean lag, dass ihre Gegner sich aus dem Staub machten. Er hielt sein Versprechen und sah nicht nach hinten; aber was auch immer sich hinter ihnen gerade abspielte, es tauchte die ganze Stadt in ein grausames, hellrotes Licht.
Rechts und links von ihnen flogen Fensterscheiben klirrend aus den Rahmen. Die Druckwelle erschütterte den Boden und die Häuser wie ein Erdbeben.
Rhòan rannte weiter. Es kam ihm seltsam vor, dass niemand ihnen folgte, niemand sich ihnen in den Weg stellte – er sah nur Chitra, den endlosen Schatten, den er auf das blutrote Kopfsteinpflaster warf, und die grelle Reflektion der Flammen auf der Klinge seines Messers. Die zweite Explosion, die Druckwelle war heftiger, obwohl sie mittlerweile viel weiter weg sein mussten. Chitra stolperte, stürzte, wollte sich aufrappeln und sah dabei über die Schulter zu ihm zurück. Als Rhòan ihn erreichte, wollte er ihn an der Hand nehmen und auf die Beine ziehen, aber Chitra war schneller, packte ihn am Ärmel und zog ihn in eine schmale Nische zwischen zwei Häusern. Kaum waren sie ganz darin verschwunden, spürte Rhòan sengende Hitze im Rücken.
In Chitras Pupillen sah er die Spiegelung der Feuerwalze, die sich hinter ihm die Gasse entlangfraß.
Dann wurde es dunkel. Für einen Moment glaubte Rhòan, sein Bewusstsein habe sich verabschiedet oder spiele ihm zumindest einen Streich – aber er war hellwach, nur kurz geblendet von der grellen Helligkeit, die so plötzlich und so rücksichtslos die Dunkelheit zerrissen hatte.
„Sh'huira! Sonst ist er jedes Mal zu spät, warum muss er ausgerechnet heute so überpünktlich sein?“ Chitra drängte Rhòan wieder aus ihrem Versteck und sah die Straße hinunter in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Irgendwo hinter dem Regenschleier schwelte ein tiefrotes, drohendes Rot an ihrem Ende. Für einen kleinen Moment kam Rhòan der Gedanke, dass der Regen sie vielleicht rettete – bei anderer Witterung hätte hier schon längst alles Feuer gefangen...
„Wir müssen hier weg“, sagte Chitra. „Wir haben vielleicht eine Minute, bis er nachgeladen hat. Und wenn er da hinten fertig ist, nimmt er sich die Tanks vor. Ich weiß nicht wie's dir geht, aber ich hab keinen blassen Schimmer, wo wir sind... Oâran!“
Über ihren Köpfen sauste etwas wie ein goldroter Blitz vorbei. Chitra stieß einen schrillen Pfiff aus und Rhòan sah den Kherean eine Schleife fliegen und dann im Tiefflug durch die Gasse auf sie zukommen, die Flügel beinahe senkrecht, um nicht die Wände zu streifen. Er griff nach Chitras Hand, nahm ein paar schnelle Schritte Anlauf, dann zog der riesige Vogel an ihnen vorbei, er bekam den Flügel am Schultergelenk zu fassen und stieß sich vom Boden ab. Chitras Arme schlangen sich von hinten um ihn und im nächsten Moment zog der Kherean wieder hoch, sie beide auf seinem Rücken. Der Regen und der kalte, schneidenden Gegenwind machten seine Haut langsam gefühllos. Sie schraubten sich höher in den Himmel, in die drohenden Wolken hinein. Unter ihnen bebte die ganze Stadt von der nächsten Explosion. Von oben gesehen schien alles wieder so übersichtlich wie auf dem Stadtplan, auch wenn das Feuer und der dichte, schwarze Qualm sich immer weiter auszubreiten begannen; dann, nach einer fast schon beängstigend ruhigen halben Minute, in der Oâran sich vom Sturmwind aus dem Luftraum über der Stadt hatte tragen lassen, ging mit einem ohrenbetäubenden Schlag, der selbst den Donner noch um ein vielfaches übertönte, der erste Öltank in die Luft. Als Rhòan über die Schulter zurücksah, konnte er gerade noch den Feuerball sehen, der die Stadt einzuhüllen begann; dann tauchten sie in eine Wolke ein, die so schwarz war, dass er jede Orientierung verlor.
Kommentare
Hi Clarice de la Cielle,
stelle dich doch erst mal in deinem Profil vor. Dann wird jemand bestimmt auch deinen Text kritisieren
LG
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