Verspätung

Eingestellt als Kandidat für die Lesung.
Nach Hinweisen von Yvonne überarbeitet (d.h. gekürzt).
Vielen Dank im Voraus für Lesen und Fleddern.
Viele Grüße
Quisille
Verspätung
»Wegen eines Personenunfalls ist der Zugverkehr zwischen Schönheide und Sperberstraße unterbrochen. Reisende mit dem Fahrtziel Sperberstraße fahren bis Bahnhof Schönheide und steigen dort um. Wir bitten um Ihr Verständnis.«
Joachim Klöver verzog das Gesicht und stieg ein. Ausgerechnet heute. Sein fünfter Hochzeitstag, und er verspätete sich.
Auf der Linie vier fuhren die alten Züge, das Polster schmierig, die Scheiben zerkratzt. Es roch nach Gummi und angetrocknetem Bier. Der Wagen war leer; nur in der hintersten Ecke kauerte eine Frau, das Gesicht in die Hände gestützt.
Klöver nahm sein Mobiltelefon.
»Der von Ihnen gewählte Gesprächspartner ist nicht erreichbar. Sie können nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen.«
Piep.
»Hallo Schatz, heute wird es leider doch wieder später. Die Bahn dreht Ehrenrunden. Bis bald.«
Der Zug fuhr los. Nordkreuz. Rehstraße. Die Frau in der Ecke schluchzte. Schönheide.
Klöver stieg aus. Der Bahnsteig lag verlassen da, keine Menschenseele weit und breit. Wo war der Feierabendverkehr?
Ein älterer Herr wankte zu einer Bank, lächelte Klöver an und steckte sich eine Pfeife in den Mund. »Haben Sie Feuer?«
»Sie sollten sich das Rauchen abgewöhnen. Früher oder später wird es Sie umbringen.«
»Nein, wird es nicht.«
Klöver sah auf die Uhr.
Viertel vor sechs. Nicht später? Das ging ja sogar noch.
Ein Zug kam.
Auf der Linie vier fuhren die alten Züge, das Polster schmierig, die Scheiben zerkratzt. Es roch nach Gummi und angetrocknetem Bier.
Klöver rutschte auf seinem Sitz hin und her.
Der Zug fuhr los. »Sehr geehrte Fahrgäste! Der Zugverkehr ist zur Zeit unregelmäßig. Reisende mit dem Fahrtziel Sperberstraße fahren bis Bahnhof Nordkreuz und steigen dort um.«
Hier auch?
»Fahrscheine zur Kontrolle bitte!«
Klöver zeigte seine Dauerkarte. »Sie haben Nerven.«
»Für die Personenunfälle können wir nichts.«
»Jaja. Müssen die sich ausgerechnet vor den Zug schmeißen? Das ist schon das zweite Mal in diesem Monat.«
»Nicht jeder springt. Einige drängeln und gefährden damit andere. Sich selbst natürlich auch, nicht wahr? Gute Fahrt.«
Drängeln ... Die Züge waren zum Bersten voll. Es ging nicht um Sitzplätze, es ging darum, überhaupt reinzukommen. Jeder drängelte.
Nordkreuz. Klöver stieg aus.
»Sehr geehrte Fahrgäste! Der Zugverkehr Richtung Sperberstraße ist zur Zeit unregelmäßig. Nächster Zug Richtung Sperberstraße in drei Minuten vom selben Gleis.«
Wenigstens ging es zügig weiter. Klöver sah auf die Uhr.
Viertel vor sechs.
Immer noch? Der Sekundenzeiger rührte sich nicht. Super. Von wegen quarzgenau.
Der Zug kam. Gegenüber der Tür kauerte eine Frau, das Gesicht in die Hände gestützt. Am linken Handgelenk trug sie eine Armbanduhr.
Klöver räusperte sich. »Entschuldigen Sie bitte, haben Sie die genaue Uhrzeit?«
Die Frau sah auf. Ihre Wimperntusche war verwischt. »Sie sind neu hier, nicht wahr?« Sie sah ihn an und lächelte schief. »Mein Gott! Und noch so jung.«
»Ja. Danke.« Die Frau roch nicht nach Alkohol. Drogen? Klöver setzte sich so hin, dass sie ihn nicht sehen konnte.
Der Zug fuhr los.
Endlich. Es ging nach Hause. Klöver griff zum Mobiltelefon.
»Der von Ihnen gewählte Gesprächspartner ist nicht erreichbar. Sie können nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen.«
Piep.
»Könntest du vielleicht mal dein Handy anstellen? Dazu haben wir die Dinger schließlich, zum Telefonieren. Ich bin jetzt auf dem Weg nach Hause. Bis gleich.«
Etwas stimmte nicht. Da draußen gab es nur den Blick nach unten. Unten war Gleisschotter. Himmel, Landschaft, Verkehr, all das wartete oben, aber in Klöver sträubte sich alles, den Blick zu heben.
»Endstation, bitte alle aussteigen. Dieser Zug endet hier und fährt zurück nach Schönheide.«
Klöver fluchte und stieg aus.
Auf einer Bank saß ein älterer Herr und kaute auf dem Mundstück einer erloschenen Pfeife herum. »Neu hier, was? Und noch so jung. Wollen wir einen Moment plaudern?«
»Keine Zeit. Da hinten kommt der Zug.«
Im Wagen saß eine einzelne Frau. Klöver vermied ihren Blick.
Der Zug fuhr los.
Klöver erschrak. Er blickte gegen die Fahrtrichtung; die Fahrt ging zurück nach Schönheide. »Was bilden die sich eigentlich --!« Nur die Ruhe. Er griff zum Mobiltelefon.
»Der von Ihnen gewählte Gesprächspartner --«
Zum Henker! Klöver schlug mit der Faust gegen die Scheibe. »Stell' endlich dein scheiß Handy an! Ich zahl' doch nicht die teure Grundgebühr, um mit der Ansage zu quatschen!«
Der Zug hielt.
»Bahnhof Schönheide. Dieser Zug endet hier ...«
»Es reicht!« Dann eben mit dem Bus. Schönheide ... Wo zum Teufel war Schönheide? Er musste sich erst orientieren.
Bänke, Müllkörbe, Plakate. Keine Informationstafel. Schlechter Service. Sah diesen Idioten ähnlich. Aber es fehlte noch etwas anderes.
Der Ausgang.
Keine Panik. Ruhig atmen. Logisch denken. Alles, was Klöver von der Straße trennte, waren einige Holzschwellen, zwei Stahlprofile und eine Böschung.
Aber die Straße war leer. Keine Autos. Keine Fußgänger. Klövers Augen schmerzten, es wollte ihm nicht gelingen, über die Straße hinwegzublicken.
Sieh hin, verdammt!
Bordsteinkante. Straßenlaterne. Und dahinter ...
Gleise.
»Wollen zu Fuß gehen, wie?« Auf der Bank hinter Klöver saß der Alte und kaute grinsend an seiner Pfeife.
Klöver packte ihn am Kragen und riss ihn hoch. »Was ist hier los? Warum ist alles wie ausgestorben? Warum gibt es keinen Ausgang?«
»Haben Sie das immer noch nicht begriffen?«
»Bitte helfen Sie mir! Ich muss doch nach Hause!«
Der Alte stierte ins Leere. »Nach Hause ...«
Klöver schwankte. »Sie sind ja wahnsinnig!« Er stieß den Alten beiseite und sprang auf das Gleis.
Er sah den Zug einen Lidschlag zu spät.
Kein Schmerz. Nichts.
Klöver schlug die Augen auf.
Er saß im Zug.
»Sehr geehrte Fahrgäste! Wegen eines Personenunfalls ist der Zugverkehr zwischen Schönheide und Sperberstraße unterbrochen. Reisende mit dem Fahrtziel Sperberstraße fahren bis Bahnhof Schönheide und steigen dort um. Wir bitten um Ihr Verständnis.«
Einsteigen. Aussteigen. Umsteigen.
Das Display des Mobiltelefons verschwamm vor Klövers Augen. Der Akku war fast leer. »Der von Ihnen gewählte Gesprächspartner ist nicht erreichbar. Sie können nach dem Signalton eine Nachricht hinterlassen.«
Piep.
»Hallo Schatz, wenn du mich hören kannst ... Ich komme nicht mehr. Ich liebe dich. Ruf' nicht zurück.«
Kommentare
Oh Sch****, das ist übel.
Ein Leben - ähm - Ableben lang in einer Endlosschleife festzusitzen und dann ausgerechnet in den alten S-Bahnen. Gruselig.
Es ist gut geschrieben, aber ab dem Zeitpunkt, an dem ich weiß, dass er wohl nicht mehr zuhause ankommen wird, weil er in einer anderen Dimension verweilt, bis zum Ende, an dem auch er es kapiert, vergeht mir zu viel Zeit.
Ich werde mich dieser Tage aber noch mal daran setzen und das genauer fleddern.
LG
Yvonne
Danke für's Feedback.
An welchem Punkt wird Dir klar, dass Klöver nicht mehr nach Hause kommt? Dann kann ich schon mal kürzen, bevor Du Dich auf die Details stürzt.
Hm... ist immer schwer zu sagen, wenn man es zum zweiten Mal liest und schon weiß, was kommt.
Aber hier ahne ich es:
Spätestens hier bin ich mir sicher, dass er nicht mehr zuhause ankommt:
Und hier weiß ich es definitiv:
Alles danach (ab diesem letzten zitierten Satz) zieht das Ganze in die Länge.
Danke, ich schau mal, was ich kürzen kann.
Warte doch sonst noch eine zweite und dritte Meinung ab.
Vielleicht bin ich auch zu kritisch.
Die alten Versionen sichere ich ja, kann also nix schiefgehen. Die Sache mit den Kontrollen ist wahrscheinlich eine unnötige Komplikation, außerdem kommt's etwas holzhammerhaft daher, zumindest das kann raus.
Irgendwie habe ich noch nie eine Geschichte fabriziert, die zu kurz war. Aber ich habe da schon was Revolutionäres im Kopf. Hier ist die Rohfassung:
Also, wenn du da noch kürzt, bleibt allerhöstens ein Komma übrig.
Habe jetzt gekürzt, und es ist doch noch mehr als ein Komma übriggeblieben. Text ist als neue Version hochgeladen (siehe oben). Vielen Dank für Deinen Hinweis, ich finde, der Text ist durch das Kürzen bereits ein Stück besser geworden.
PS "Unterschiede anzeigen" in den "Versionen" ist ein super Feature.
Hab den Text mal öffentlich geschaltet. Warum habe ich ihn eigentlich überhaupt erst auf "privat" gesetzt??? Manchmal verstehe ich mich einfach nicht.
Es ist schon ein wengi her, dass ich die Geschichte gelesen habe, und das war die Ur-Version.
Das einzige, was mich noch stört: Die Ansage (am Telefon) ist falsch. Die müsste wortwörtlich sein, ist sie aber nicht.
Und: Der Anfang ist ein wenig zu sehr gekürzt, so dass die Wiederholung zu stark ist.
Mehr habe ich nicht. Ich weiß, dass ich die Geschichte früher anders verstanden habe. Jetzt ist es etwas klarer, aber, wie gesagt, dass ist ja schon über 2 Jahre her.
Dankeschön!
Kurze Rückfrage:
Zur Klarstellung, was gemeint ist: Wird sie im Text nicht wortwörtlich wiederholt, oder entspricht sie nicht wortwörtlich dem üblichen Ansagetext?
Liebe Grüße
Quisille
Es entspricht nicht 100% den üblichen Ansagetexten. Ich könnte jetzt versuchen es zu rekonstruieren, aber es ist dann auch nur meine Erinnerung...
"Dies ist die Mailbox von... .Ihr Anruf kann zur Zeit leider nicht entgegengenommen werden. Sie haben aber nach dem Signalton die Möglichkeit, ihren Namen und eine Nachricht zu hinterlassen.Piep."
).
Das sagt zumindest die nette Dame, wenn ich versuche meinen Freund zu erreichen (habe extra noch zweimal angerufen
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