Jump to Navigation

Ein guter, alter Charakterbogen

Bild von Quisille
Textkritik zu: 
Wüstenmagierin

Hallo Tirzah!

Wie aus der Tiefe längstvergangener Zeiten ... Durch Deinen Text habe ich mich in die goldene Zeit zurückversetzt gefühlt, in der ich noch mit Bleistift und Würfel auf Abenteuerfahrt gegangen bin (ist schon ewig her).

Was Du da eingestellt hast, ist meines Erachtens ein Metatext, in dem Du den Hintergrund einer Figur festlegst. Also ein Text für Dich selbst, als Arbeitsgrundlage, nicht für den Leser. Insofern ist es unsinnig, ihn zu fleddern.

Ich tu's aber trotzdem. Evil

Ich wage mich mal an den ersten Abschnitt:

Die Geschichte, welche ich zu erzählen habe, ist eine traurige und beginnt in meinem Heimatdorf in der Wüste, welches wir Barkash nannten.

Prinzipiell netter Einstieg. Es wird sofort klar, dass wir einen auktorialen Ich-Erzähler zu erwarten haben, und da ist ein Hinweis auf den Konflikt: "traurig". Als vorsichtiger Hinweis: Einstiege gewinnen oft (nicht immer!), wenn man sie strafft und die Satzstruktur vereinfacht. Du hast hier zwei Relativsätze, die auch noch mit den sehr klobigen "welche" und "welches" eingeleitet werden. Dadurch machst Du kleine Kringelchen in den Lesefluss, das schwächt nach meinem Empfinden den Satz. Sowas lässt sich meistens vermeiden, zum Beispiel:

Meine Geschichte ist traurig. Sie beginnt in der Wüste in meinem Heimatdorf Barkash.

Wenn Dir das zu geradlinig sein sollte, könntest Du Dich durch Satzstellung etwas spreizen, etwa:

Traurig ist meine Geschichte. Sie beginnt in der Wüste in meinem Heimatdorf Barkash.

Damit ist das wichtige Wort ("traurig") an den allerersten Anfang gerückt und durch eine ungewohnte Satzstellung besonders betont. Den Wortdoppler mit "meine" könnte man durch Straffen der Bedeutungsseite vermeiden. Meine Geschichte beginnt in einem Dorf. In welchem wohl? Im Nachbardorf? Nö, in meinem Heimatdorf natürlich. Das muss ich nicht extra erwähnen, das ist klar. Erwähnen müsste ich, wenn sie in einem anderen Dorf als meinem Heimatdorf begönne. Also:

Traurig ist meine Geschichte. Sie beginnt in der Wüste in einem Dorf namens Barkash.

Das sind alles nur Anregungen. Quintessenz: Auch an einem prinzipiell guten Einstieg kann man noch feilen. Wink

Bereits nach meiner Geburt wurde ich mit Argwohn betrachtet, denn meine Mutter hatte Schande über unsere kleine Familie gebracht.

OK, hier lieferst Du Vorgeschichte in Form einer Rückblende, und das gleich ganz am Anfang. Das sollte man möglichst vermeiden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder, die Vorgeschichte ist jetzt sofort immens wichtig, dann steigt man in die Vorgeschiche direkt ein (also ohne Rückblende), oder die Vorgeschichte wird erst später wichtig, dann lässt man sie weg oder packt sie in den Subtext.

Abgesehen davon enthält der Satz eine Passivkonstruktion ("wurde [...] betrachtet") und eine Begründung ("denn ..."). Beides lässt den Satz schwerfällig wirken, und eine wesentliche Information geht verloren, nämlich wer da Deine Protagonistin argwöhnisch beobachtet. Außerdem lässt "argwöhnisch beobachtet" kein deutliches Bild enstehen. Wie sieht so etwas aus? Stellt der Dorfälteste einen Tagelöhner dafür ab, Tirzah die ganze Zeit zu begleiten und argwöhnisch zu beobachten? Das ist das, was ich bei dem Satz in etwa assoziiere.

Dorfältester: "He, du da drüben! Lust auf 'nen schnellen Dukaten?"
Tagelöhner: "Yep."
Dorfältester: "Beobachte mal Tirzah argwöhnisch. Berichte erfolgen bitte einmal wöchentlich."
Tagelöhner: "Geht klar, Chef."

Erster Wochenbericht:
Montag, 8:00-12:30: Tirzah argwöhnisch beobachtet.
12:30-12:45: Mittagessen
12:45-18:00: Tirzah argwöhnisch beobachtet.
18:00: Feierabend.
Dienstag, 8:00-12:30: Tirzah argwöhnisch beobachtet.
...

Und so weiter. Etwas zäh, nicht wahr? Will sagen, die Wendung "wurde argwöhnisch beobachtet" liefert dem Leser keinerlei Futter, anhand dessen er sich eine Handlung vorstellen könnte.

Zum "denn": Was ist daran schwerfällig? Ich sehe das so: Du kaust hier dem Leser einen Schluss vor, den er ziehen soll, nämlich den Zusammenhang zwischen Taishas Schande und Tirzahs Argwöhnisch-Beobachtet-Werden. Würde der Leser diesen Schluss selbst ziehen können, wenn Du einfach das mit dem Argwöhnisch-Beobachtet-Werden erwähnst, und dann sofort die Schande der Mutter schilderst?

Aber holla! Klar kann er das. Empfehlung: Raus mit dem "denn"-Satz.

Diese Schande hatte darin bestanden, dass sie sich einem wildfremden Mann hingegeben hatte. Aus dieser einmaligen Verbindung war ich entstanden und musste aus diesem Grund für die Fehler meiner Mutter Taisha büßen.

"Diese Schande hatte darin bestanden [...]": Auch das kaut dem Leser einen Zusammenhang vor (übrigens denselben, wie der "denn"-Satz). Die Stelle bliebe genauso verständlich, wenn Du einfach schriebest: Meine Mutter hatte sich einem wildfremden Mann hingegeben. Dann kann der Leser sich selbst seine Gedanken machen und fühlt sich nicht so bevormundet. Ähnliches gilt auch für den Satz "Aus dieser einmaligen Verbindung [...]" Mama hat mit dem netten Fremden gepoppt, Tirzah wird argwöhnisch beobachtet. Wer wird wohl ihr Vater sein? Da gerät man ins Grübeln, und das ist gut, das erzeugt Interesse.

Lange wurde nach einem passenden Namen für mich gesucht und wollten die Ältesten des Dorfes nicht zulassen, dass ich einen wertvollen erhielt.

Da könntest Du die hässliche Passivkonstruktion vermeiden, indem Du dem Leser nicht alles haarklein vorbetest. Wenn Du schriebest:

Lange wollten die Ältesten des Dorfes nicht zulassen, dass ich einen wertvollen Namen erhielt.

Dann wäre schon implizit gesagt, dass lange Zeit ein Name gesucht wird.

Ewig sollte mich das Vergehen meiner Mutter in meinem Namen begleiten.

Du hast ohnehin schon sehr viel Vorgeschichte. Kann sich der Leser nicht selbst denken, warum die Ältesten einen Scheißnamen vergeben wollen? Wink Sowas kann notfalls raus.

Trotz allem brachte es Taisha nicht übers Herz und nannte mich fortan Tirzah, jene welche Freude bereitet.

Vorsicht, Füllwortalarm. "Trotz allem" -- was sagt das eigentlich? "allem" ist unspezifisch, ein reiner Platzhalter. "fortan": Ja, wie denn sonst? Rückwirkend? Wink Gekürzte Fassung:

Taisha brachte es nicht übers Herz und nannte mich Tirzah -- "jene welche Freude bereitet".

Da fehlt aber noch was. Was ist "es"?

Mit dieser Tat lud sie noch mehr Schande auf sich, doch war meine Mutter der Meinung, dass sie nicht tiefer sinken konnte als es bereits der Fall war.

Ist die Meinung der Mutter wichtig, soll heißen, braucht man es zum Verständnis der Geschichte? Nö, oder? Das begründet nur die Tat der Mutter, die schon vorher schlüssig und motiviert war. Und was ist das mit dem Schande auf sich laden? Einen Großteil dessen, was dieser Satz sagt, kann sich der Leser denken: Der Oberdorfmeister sagt an, Töchterchen möge fortan "Unwürdige Ausgestoßene" heißen, Mama setzt sich darüber hinweg, und nennt Töchterchen stattdessen "Freudenquell". Was wird der Oberdorfmeister dazu wohl sagen?

Kurzfassung: Dat hier kann komplett raus. attacke

Zur Herzchenwertung:

Der Leser sucht in einem Text hauptsächlich nach zwei Dingen: nach Konflikt und nach dem Besonderen. Konflikt ist das Verfolgen eines Ziels gegen einen Widerstand. Tirzah hat zwar eine Menge Widerstand, aber kein Ziel. Sie wird nur von allen herumgetreten und bleibt passiv. Mit anderen Worten, da ist kein Konflikt. Ergo: Spannung nahe dem absoluten Nullpunkt.

Wie sieht es mit dem Besonderen aus? Da ist wohl einiges, aber Du unterbrichst das immer wieder mit langen Sätzen, in denen Du das Alltägliche auswalzt, z.B.:

Meine Kindheit verlief zum Teil so wie die eines jeden anderen Kindes in unserem Dorf verlaufen war. Selten gab es Streitereien oder Geplänkel, denn wussten die Kinder nicht um das Fehlverhalten meiner Mutter. Erst in den Jugendjahren, als ich in die hiesige Schule eintrat, erkannten meine bisherigen Freunde, dass es doch etwas mit meiner Familie auf sich hatte.

Die gelb unterlegte Passage beschreibt ellenlang die Abwesenheit jedes Konflikts, die Abwesenheit jeder Handlung. Was fehlt, wenn man's streicht? Nix.

Du hast Deine guten Ideen also stark verdünnt. Das vergeigt Dir ziemlich die Wirkung. (Ist aber nicht irreparabel.)

Spannung:
Siehe oben: kein Konflikt = keine Spannung.

Atmosphäre:
Hier hapert es etwas daran, dass die Beschreibungen häufig ausweichend und unspezifisch sind. Beispielsweise, wenn Tirzah mit "allen möglichen Dingen" beworfen wird. Da kann man sich nix drunter vorstellen. Wie wäre es, wenn man sie mit Kameldung bewerfen würde? Oder mit Ziegelsteinen? Oder mit kaputten Schilflatschen?

Charakterdarstellung:
Wohlgemerkt: Ich sage hier ausdrücklich nicht, dass Tirzah eine zu platte Figur wäre. Da kann noch viel unter der Oberfläche schlummern, aber hier kommt's nicht zum Tragen. Wichtig ist, dass der Leser mit ihr mitleidet, und das klappt nicht. Warum nicht? Hauptsächlich weil sie passiv bleibt. Mit einem getretenen Hund hat keiner Mitleid. Nur mit einem getretenen Hund, der zurückzubeißen versucht.

Schreibtechnik:
Satzbau ist korrekt, auch wenn's mal längere Sätze sind, Bezüge stimmen größtenteils -- keine Probleme im Fundament. Nun geht's an die Tricks für die Fortgeschrittenen: Passivkonstruktionen vermeiden, spezifisch sein, Konflikt, Tempo, etc. Kurzum, werte die zwei Herzchen bitte als Startschuss, Dich in diese Richtung weiterzuentwickeln. Das dauert und macht Arbeit. Aber es macht auch 'ne Menge Spaß.

Viele Grüße!
Quisille

Bewertung
Gesamteindruck: 
2.03
Spannung: 
1.05
Atmosphäre: 
2.03
Charakterdarstellung: 
2.03
Schreibtechnik: 
2.03

Kommentare

Hallo Quisille!

Vielen Dank dafür, dass du dir dennoch die Mühe gemacht hast meinen Text zu fleddern Wink
Du hast mir Vieles aufgezeigt woran ich nicht gedacht hätte und vermutlich auch nicht alleine darauf gekommen wäre.
Werde mir deine Kritik deshalb besonders zu Herzen nehmen, weil ich der Meinung bin viel daraus lernen zu können.

Momentan bin ich dabei den Text zu überarbeiten. Ich habe einen kleinen Teil herausgenommen um ihn zu vertiefen. Wenn ich damit fertig bin werde ich ihn erneut posten und würde mich dann über eine weitere Kritik von dir freuen Smile

Liebe Grüße!

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd> <img> <blockquote> <mark>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
  • Textual smileys will be replaced with graphical ones.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

CAPTCHA
Diese Frage hat den Zweck zu testen, ob man ein menschlicher Benutzer ist und um automatisierten Spam vorzubeugen.

« nach oben

Login

Wer wir sind und was wir wollen

Die Charta Scriptoria ist ein Zusammenschluss von fantasybegeisterten Autoren, die der Wunsch eint, produktiv an ihren Texten zu arbeiten und sich über schreibrelevante Themen zu unterhalten. Dabei ist egal ob Anfänger oder Fortgeschrittener. Bei uns ist jeder willkommen, der Kritik an den eigenen Werken annimmt und bereit ist an fremden Texten zu arbeiten.

Du bei uns

Bekomme Lesermeinungen zu deinen Werken und bewerte selber Texte anderer.
Hilf bei den Recherchen unserer Autoren und stelle selber Fragen an die Community.
Begegne Gleichgesinnten und nimm an unseren monatlichen Autorentreffen teil.

Registrieren Regeln

Wer ist online?

Moira
Zohea
Zur Zeit sind 2 Benutzer und 1 Gast online.
Powered by Drupal, einem Open-Source Content-Management-System.