Und wo ist die Szene?
Hallo Tirzah!
Schön, dass du einen Text von dir einstellst. Leider kann er mich in kaum einer Weise überzeugen, was jedoch auch davon abhängt, was er darstellen soll. Dass er als Biographie eines Charakters gedacht sein soll merkt man deutlich heraus. Deswegen meine Frage: Soll es wirklich nur eine Biographie sein? Dann brauchst du eigentlich keine Kritik dafür, denn solche Biographien gehören nicht in Bücher, sondern in das Hintergrundarsenal eines Autors.
Oder planst du, diese Textstelle in einen Roman einzuarbeiten? In diesem Fall kann ich nur wiederholen, was ich gerade gesagt habe: So etwas gehört nicht in einen Roman, zumindest nicht in dieser Form. Schau dir mal an, wie in vielen Großwerken der Fantasy die Vergangenheit von Charakteren eingebracht wird. Das beginnt nicht mit einem einfachen Kapitel, indem die Vorgeschichte eines Charakters Stück für Stück dargestellt wird. Die Vorgeschichte fließt normalerweise im Laufe des Romanes häppchenweise durch kurze Fragmente, wie Erinnerungen an Schlüsselszenen, Andeutungen oder Erklärungen im Dialog, in die Haupthandlung ein. Dem Leser werden dadurch bis zuletzt Informationen vorenthalten, was Spannung erzeugt und ihn neugierig macht. Denn nichts anderes ist Spannung im Prinzip: Sympathie für die Agonisten zusammen mit vorenthaltenen Informationen.
Ist eine dieser beiden Optionen der Fall, dann brauchst du ab hier gar nicht mehr weiterlesen. Merk dir, was ich bisher gesagt habe, verwende den Text als Hintergrundinformation, aus dem deine Geschichte entwächst (sozusagen als Kernstück deines Plots) und stampfe alles ein, was ich über Stil, szenischen oder narrativen Modus und dergleichen zusagen habe.
Willst du jedoch, was ich anhand der Kategorisierung fast vermute, die Geschichte ganz allgemein, als eigenständige Kurzgeschichte stehen zu lassen, dann solltest du dir die ganze Kritik hier zu Herzen nehmen.
Dir gelingt es mit deinem Text partout nicht, Spannung zu erzeugen oder den Leser auch nur in die Situation hineinfühlen zu lassen. Das liegt daran, dass du nicht szenisch erzählst, sondern narrativ: Du fasst einfach nur zusammen, was passiert. Das ist in etwa so, wie wenn Tolkien das furiose Herr-der-Ringe-Finale am Schicksalsberg plötzlich so schreiben würde:
Frodo stand am Fuß des Schicksalsberges und sagte zu Sam, er könne nicht mehr. Trotzdem überwand er sich und kletterte hinauf. Auf halber Strecke brach er zusammen und wurde von Sam getragen. Er wurde von Gollum überfallen, der jedoch von Sam zurückgeschlagen werden konnte. Am Ende stand er am Feuer des Schicksalsberges und wollte den Ring doch nicht hineinwerfen, weil er von ihm abhängig war. Gollum jedoch versuchte, ihm den Ring zu klauen und fiel damit ins Feuer.
Mit so einer Szene hätte der Altmeister der Fantasy niemals Spannung erzeugen können. Warum? Es ist distanziert. Er berichtet wie aus weiter Ferne, distanziert und emotionslos, was geschehen ist. Der Kunstgriff besteht darin, szenisch zu schreiben und show, don't tell zu praktizieren. Schau dir dazu am besten den Artikel in der Handwerksstube "Show, don't tell" an.
Als ganzes kannst du diesen Text also nicht stehen lassen, vor allem nicht als Kurzgeschichte. Geschichten leben davon, dass sie eine Szene darstellen, in einer Kurzgeschichte nur eine oder einige wenige, in einem Roman zahllose. Kein Mensch würde eine so aufgemachte Story lesen. Wenn du dich üben willst: Schnapp dir einige der Schlüsselhandlungen, die du in deinem Text schilderst und mach daraus jeweils eine eigenständige Szene. Beschreibe, oder eher: zeige!, die Gefühle deiner Protagonistin, baue Dialoge ein, werde direkter und versehe jede Szene mit einem einzelnen Konflikt. Zum Beispiel, wie die ältesten der Mutter verbieten, ihr Kind so zu benennen, wie sie es will. Beschreibe, wie sie vor den Ältestenrat tritt. Wie sie für ihr Recht fleht, verzweifelt, als die Männer sich nicht umstimmen lassen wollen und schließlich verzweifelt doch noch ihren eigenen Namen wählt, wissend, welche Schuld sie damit auf sich lädt.
Was die Charakterdarstellung angeht, gilt eigentlich dasselbe, was ich eben gesagt habe. Charaktere müssen uns in Szenen ans Herz wachsen oder unseren Abscheu erwecken, durch distanziertes Narrativum wird das nichts. Zeige uns Lesern, was für Ängste und Hoffnungen sie hat, was für seelische Abgründe und selbstlose Heldentaten in ihr stecken, was sie uns sympathisch macht und was auf dem schmalen Grat zwischen interessant-neugierig und abstoßend wandelt.
Dein Charakter hat hier keine herausragenden Eigenschaften, oder zumindest keine, die aus dieser Geschichte herauszulesen wären. Sie wird von allen gepiesackt und missachtet und versucht dennoch in keinster Weise, dagegen zu rebellieren, nimmt alles hin, wie es kommt. Es fehlen Reibungsflächen, Konflikte. Ist sie hin- und hergerissen zwischen ihrer Wut auf die anderen und der Hoffnung, anerkannt zu werden, wenn sie sich nur an die aufgestellten Regeln hält? Platzt es manchmal aus hier heraus? Verteidigt sie ihre Mutter, wenn die anderen über ihre schlimme Tat sprechen? Solche Dinge machen interessante Charaktere aus. (Was ich dir in dieser Hinsicht als Lektüre zum Lernen empfehlen kann, ist die Kriegsklingen-Trilogie von Joe Abercrombie.)
Zur Atmosphäre lässt sich wenig sagen, da diese sich praktisch nur in Szenen manifestiert, nicht in narrativen Abschnitten. Dazu hilft dir vielleicht der Artikel "Drehbuchdenken" in der Handwerksstube.
Was deine Schreibtechnik angeht, lass dir folgendes gesagt sein: Deine Sprache ist korrekt und flüssig, Rechtschreibfehler habe ich nahezu keine bemerkt. Das ist schon einmal gut, aber du schreibst - für einen durchschnittlichen Roman - zu gestelzt, gestochen und umständlich. Das passt zu Schiller oder einem analytischen Text, aber Leser der heutigen Zeit stößt es meistens ab. Ein Tipp deshalb: Mach deine Sätze einfacher, kürzer, direkter. Verwende auch rhetorische Figuren wie die Ellipse, die sehr atmosphärisch sein können. Ich persönlich liebe es, in hochgestochenem Deutsch zu schreiben (teilweise so kompliziert, dass sich schon mein Deutschlehrer beschwert hat), aber in kreativen Texten unterdrücke ich das (oder versuche es zumindest).
Auf die Logik und Dramatik der Geschichte gehe ich erst einmal noch nicht tiefer ein, da diese Kurzgeschichte ja die Aktion eines ganzen Romanes umfasst und mir für eine so detaillierte Fledderung momentan die Zeit fehlt und das ganze sich in szenischer Form so oder so nicht vollständig halten ließe.
Ein versöhnliches Schlusswort von mir: Lass dich von dieser negativen Kritik nicht unterkriegen. Ich war hart, was die Form des Textes angeht und wenn du mit dieser Geschichte etwas anderes beabsichtigt hast, als ich mir vorgestellt habe (in Hinblick auf den Verwendungszweck), dann mag vieles nicht mehr zutreffen. Und denk immer daran: Nur weil du einen weniger guten Text schreibst, heißt das nicht, dass du es nicht besser kannst. Im Gegenteil: wenn du am Ball bleibst, dich nicht unterkriegen lässt und beständig weiterschreibst, verbesserst du dich unumgänglich. Wenn du meine früheren Texte sehen würdest, würden sich dir beide Zehennägel hochrollen. Das wirklich wichtige für einen Schriftsteller ist vor allem eines: Durchhaltevermögen.
In diesem Sinne
Joscha
Kommentare
Hallo Joscha!
Ich bedanke mich für deine Kritik! Ich werde versuchen so viel wie möglich davon umzusetzen wenn ich weiterhin an dem Ausbau meiner kleinen Geschichte arbeite.
Es war anfangs als Biographie gedacht, das stimmt. Doch mit der Zeit kamen immer mehr Ideen dazu und deshalb hatte ich den Entschluss gefasst, dass ich das Leben und Leiden Tirzah's vielleicht etwas näher beschreiben sollte.
Dazu gehören also eine bessere Beschreibung von Tirzah selbst, ihrer Heimat, den Gefühlen usw.
Sagen wir mal so... Ich möchte es jedenfalls versuchen
Das ich oft sehr hochgestochen schreibe fällt mir leider immer wieder selbst auf. Oft versuche ich es zu unterdrücken, aber das gelingt mir nicht immer weil ich nach einiger Zeit in den gleichen Trott falle. Das muss ich auf jeden Fall noch üben.
Ich denke, dass ich noch einen weiten Weg vor mir habe und noch so einiges lernen muss.
Deshalb möchte ich mich noch einmal bei dir bedanken, alleine schon dafür das du dir die Mühe gemacht hast meinen Text zu lesen und diese Textkritik zu schreiben.
Liebe Grüße!
Hallo Tirzah!
Als Grundgerüst für einen späteren Plot taugt das Material sicherlich. Da wurden dir in den Kommentaren ja schon einige Ratschläge gegeben und ich bin zuversichtlich, dass du das schaffst.
So etwas kommt mit Zeit und Übung. Meiner Meinung nach ist Schreibstil jener Teil des Schreibens, der am einfachsten zu verbessern ist, nämlich einfach durch regelmäßiges Schreiben aller möglichen Texte und bewusstes Lesen anderer Bücher.
Grüße
Joscha
Hallo!
Ja, die Ratschläge habe ich mir bereits sehr zu Herzen genommen und ich versuche auch schon einige davon umzusetzen. Bis jetzt hatte ich mir nämlich meist nur Gedanken um Tirzah gemacht und die anderen Figuren erstmal links liegen gelassen. Das soll sich natürlich ändern.
Das bewusste Lesen anderer Bücher fällt mir bestimmt nicht schwer
Habe ja genug Auswahl in meinem Bücherregal und lese momentan wieder eines meiner Lieblingsbücher das ich einfach nur faszinierend finde.
Liebe Grüße!
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